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Weltflüchtlingstag Der Lieblings-Sündenbock der Deutschen

Längst ist der Flüchtling wieder zur Persona non grata degradiert, zu einer Art Seuche, die es zu bekämpfen gilt. Kein Wunder, dass Horst Seehofer die Diskussion zum Weltflüchtlingstag absagt. Ein Kommentar.

Flüchtlinge
Geflüchtete bei der Ankunft in Valencia (Spanien). Foto: dpa

Es ist nur konsequent, dass Innenminister Horst Seehofer den geplanten Auftritt bei der Podiumsdiskussion in seinem Haus für die Opfer von Flucht und Vertreibung in Berlin „aus terminlichen Gründen“ absagt.*

Warum auch weiter heucheln? Längst ist der Flüchtling in Europa wieder zur Persona non grata degradiert, zu einer Art Seuche, die es zu bekämpfen gilt. Mehr abschieben, mehr Härte in der Politik und dafür weniger Hilfe – das ist fast schon Konsens.

Es würde zur aktuellen Stimmungslage auch in Deutschland passen, den Weltflüchtlingstag einfach abzuschaffen. Oder ihn umzubenennen – „Tag der Abschottung“ klingt leider nicht allzu gut. Wie wäre es mit „Tag der erschwerten Migration“?

Jede Zeit hat ihre Sündenböcke, und ausländische Minderheiten haben diesen Zweck schon immer gut erfüllt. In der Bundesrepublik waren es mal die Türken, mal die Italiener, mal die Roma, mal die Rumänen, mal die Bulgaren. Und die Muslime sind sowieso immer an irgendetwas schuld.  

Gerade macht „der Flüchtling“ das Rennen in diesem Wettbewerb; beim Schüren der Vorurteile hilft gerne die Boulevard-Presse, siehe „Bild“-Berichterstattung im Fall Susanna. Mordet ein Deutscher, dann ist das die Schuld des Mörders. Mordet ein Flüchtling, dann trägt die Schuld wahlweise der Flüchtling an sich, der Islam, Angela Merkel („öffnete die Grenzen“), die deutschen Gerichte (lassen sich in ihren Urteilen zu lange Zeit) oder die Asylbehörden (schieben nicht schnell genug ab).

Rechte Politiker mit fiktiven Problemen

Mehrere Gesetzesverschärfungen sorgen dafür, dass Flüchtlinge in Deutschland auch spüren, dass sie nicht erwünscht sind. Sachleistungen statt Geld, verhinderte Familienzusammenführungen und jetzt womöglich Zurückweisungen an der Grenze. Frei nach dem Motto: behandeln wir sie schlecht, dann kommen vielleicht weniger.

Während rechte Politiker mit fiktiven Problemen die Stimmung schüren, sinkt in Deutschland die Kriminalitätsrate. Und auf dem Mittelmeer geht das reale Sterben von tausenden von Migranten einfach weiter. Wenn an einem Tag besonders viele Menschen ertrinken, steht eine kleine Meldung in der Zeitung.

Es dauert wohl nicht mehr lange, dann gilt das Wort „Flüchtling“ als Beleidigung. Spätestens dann wird der „Weltflüchtlingstag“ umbenannt – falls es ihn dann noch gibt.

*An der Gedenkstunde für die Opfer von Flucht und Vertreibung im Deutschen Historischen Museum nimmt Seehofer wie geplant teil und hält dort entgegen einer früheren Agenturmeldung auch eine Ansprache. 

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