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Torten-Attacke auf Wagenknecht Dämliche Aktion beim Linken-Parteitag

Der Tortenwurf von linken Aktivisten auf Sahra Wagenknecht ist eine inakzeptable Grenzüberschreitung, von der die Angegriffene selbst profitiert. Der Kommentar.

Aufräumarbeiten: Nach dem Tortenangriff auf Sahra Wagenknecht reinigen Delegierte den Sitzplatz der Fraktionsvorsitzenden. Foto: dpa

Ist der Wurf einer Torte in das Gesicht eines Menschen Gewalt, wie Linksparteichef Bernd Riexinger meint? Die Ansichten darüber gehen weit auseinander. Das verrät schon die Sprache. Da ist mit Blick auf den Tortenwurf gegen Sahra Wagenknecht von Aktion, Angriff oder Anschlag die Rede. In jedem Fall ist das Ereignis alles andere als eine Petitesse. Es erinnert in manchem an den Wurf eines Farbbeutels auf den grünen Außenminister Joschka Fischer. Auf dem Bielefelder 1999 ging es nicht um die Flüchtlingspolitik, sondern um den Kosovo-Krieg.

Zunächst – darin sind sich in Magdeburg alle Beobachter einig – wird der Torten-Angriff selbst ernannter Menschenfreunde Wagenknecht mehr nutzen als schaden. Vor Magdeburg musste sie wegen ihrer flüchtlingsunfreundlichen Haltung eine Menge auch harte Kritik aus den eigenen Reihen einstecken – und zwar zu recht. Die Linksfraktionsvorsitzende muss sich den Vorwurf gefallen lassen, Sozialneid nicht bekämpft, sondern geschürt zu haben.

Ja, sie hat, wie ein führender Linker sagt, ein instrumentelles Verhältnis zu den Ängsten von Menschen. Wagenknechts linker Populismus ist vom rechten Populismus nicht weit entfernt. Nach dem Angriff allerdings scharen sich in der Linken selbst jene um Wagenknecht, die ihr bisher ablehnend gegenüberstanden – und zwar ebenfalls zu recht. Denn wer in dieser Weise angegriffen wird, hat Schutz verdient. Hinter den Kulissen verlautet längst, ihr und der ganzen Partei hätte in Magdeburg nichts Besseres passieren können als diese Torte.

Tiefe Kluft in der Fraktion

Gewiss ist ferner auch, dass sich jeder in die Tasche lügt, der glaubt, die Sache habe sich erledigt, indem Reinigungskräfte die Reste der braunen Torte vom Boden wischen. Der Flüchtlingsstreit zu Jahresbeginn hat vielmehr gezeigt, wie tief die Kluft in der Linken in dieser Frage ist. Sie ist ähnlich tief wie die Kluft bei den Grünen in der Kriegsfrage. Nicht wenige heutige Linke sind damals übrigens nach dem Ja zum Kosovo-Einsatz aus den Grünen ausgetreten und später bei der PDS eingetreten – darunter der stellvertretende Linksfraktionsvorsitzende Jan Korte. Die linke Gretchenfrage lautet: Kann man seine humanistische Gesinnung zugunsten Fremder über Bord werfen, wenn sie einem bei den heimischen Wahlberechtigten schadet?

Schließlich wäre da noch die Eingangsfrage, ob ein Tortenwurf Gewalt sei oder nicht. Er ist natürlich nicht gleichzusetzen mit einem Messerangriff, wie ihn Oskar Lafontaine erleiden musste, mit einem Schuss oder gar mit einer Bombe. Gewalt ist es aber doch insofern, als das Opfer vor vielen anderen Menschen bloßgestellt wird und sich nicht wehren kann. Auch das Plötzliche des Vorgangs ähnelt dem anderer gewaltsamer Übergriffe. Im Übrigen steht das Ereignis nicht allein, sondern im Kontext vieler anderer größerer oder kleinerer Vorfälle in diesem Land, bei denen an die Stelle des Austausches von Argumenten physische Mittel treten – mit Opfern auf der linken wie auf der rechten Seite. Vor allem mit Opfern unter Fremden.

Die Linke ist ebenso betroffen wie die AfD. Eine Spirale droht. Die verbale Gewalt in den sozialen Netzwerken ist explodiert. In der Nach-68er-Zeit ging es ebenfalls mit niederschwelliger Gewalt los. Am Ende gab es die RAF und Tote. Ist das heute vollkommen ausgeschlossen?

Wagenknecht hat mit großer Gelassenheit gesagt, der Tortenwurf sei eine „saudämliche Aktion“ gewesen. Dem ist aus unterschiedlichen Gründen nichts hinzuzufügen.

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