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SPD- Kandidatenkür als Farce

Bei der SPD spielt sich derzeit eine regelrechte Posse um die Aufstellung eines Kanzlerkandidaten ab. Aus dieser Lage gibt es nur einen Ausweg - aber den wird die SPD kaum wählen. Ein Kommentar.

Macht seit Wochen lautstark Wahlkampf in eigener Sache: EU-Parlamentspräsident Martin Schulz. Foto: dpa

Dieses Mal sollte alles ganz anders laufen. Kein Drama wie 2008, als der damalige SPD-Chef Kurt Beck im Schwielowsee versenkt wurde. Keine Kamikaze-Aktion wie 2012, als ein völlig unvorbereiteter Peer Steinbrück buchstäblich über Nacht in den Kandidatenjob katapultiert wurde. Dieses Mal, hatte Parteichef Sigmar Gabriel versprochen, würden die Genossen den Herausforderer von Kanzlerin Angela Merkel transparent und respektvoll küren, am besten mit einer Urwahl der Mitglieder.

Tatsächlich könnte die Aufstellung des Kanzlerkandidaten der SPD in diesem Jahr zur vollendeten Farce werden. Wenn sich die Genossen wundern, weshalb ihre Umfragewerte im Keller verharren, sollten sie sich ihr trauriges personelles Erscheinungsbild einmal kurz von außen ansehen: Die Vorsitzende des mächtigen NRW-Landesverbandes – ein bundespolitischer Totalausfall. Der erfolgreiche Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz – ein Taktierer, der auf die Bundestagswahl 2021 setzt. Dann ist da Martin Schulz, der selbstbewusste Präsident des Europäischen Parlaments. Er macht seit Wochen lautstark Wahlkampf in eigener Sache – möchte eigentlich aber in Straßburg bleiben und nur Kanzlerkandidat werden, falls er keinen besseren Job findet.

Der vielzitierte „natürliche“ Kandidat, Parteichef Sigmar Gabriel, ist derweil abgetaucht. Er zögert und beharrt auf dem verabredeten Zeitplan: Erst Anfang 2017 soll der Frontmann oder die Frontfrau benannt werden, weil er oder sie ansonsten angeblich in der öffentlichen Debatte zerrieben würden. Also wird nun wochenlang über diesen und jenen spekuliert, und immer deutlicher wird, wie viele Genossen (aus durchaus nachvollziehbaren Gründen) deutliche Vorbehalte gegen Gabriel haben. Die Demontage des Kandidaten ist also schon vor seiner Kür in vollem Gang.

Aus der absurden Lage gäbe es nur noch einen radikalen Ausweg: Die SPD beruft einen Sonderparteitag ein. Gabriel und Schulz kandidieren gegeneinander. Es wäre eine transparente und kontroverse Entscheidung. Ein Stück gelebte Demokratie, das vielleicht sogar skeptische Wähler mitreißt. Es wäre ein offenes Duell um Inhalte und Personen mit vollem Risiko.

Genau deswegen wird es ziemlich sicher so nicht kommen.

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