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Neonikotinoide Ohne Chemie

Wer Bienen und anderen Insekten wirklich helfen will, der darf nicht nur ein paar Insektengifte verbieten, der muss sich ganz von der chemiebasierten Landwirtschaft verabschieden.

Biene
Foto: dpa

Die für Honigbienen, Wildbienen und andere (bestäubende) Insekten gefährlichen drei Neonikotinoide werden verboten. Ist damit alles gut? Die Gefahr, die von dieser tückischen Stoffklasse unter den Insektiziden ausgeht, gebannt? Der Skandal in letzter Minute verhindert? Mitnichten. Die Industrie kann froh sein, dass Umweltorganisationen und Politik zuletzt in den Streit um das Total-Herbizid Glyphosat verheddert waren. Sonst wären die fatalen Insektenkiller schon viel früher aufgeflogen.

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass Wirkweise und Ausmaß dieser Nervengifte vergleichbar sind mit dem DDT-Skandal der 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Damals raffte es eine Unzahl von Greifvögeln dahin. Heute sind es „nur“ verwirrte, desorientierte und subletal getroffene Insekten – und eben die von ihnen lebenden Vögel, die, das zeigen jüngste Forschungen aus den USA, auch direkt getroffen werden können.

Man muss nicht erst das Bienensterben vom Oberrhein 2008 bemühen, das durch falsche Applizierung der Insektizide entstanden war, um die irrsinnige Wirkung dieser Gifte zu begreifen. In der Rückschau ist es beklemmend, aber als der erste Verdacht über die Gefährlichkeit der „Neoniks“ für Vögel geäußert wurde, redeten sogar Ornithologen den Zusammenhang klein. Sie hätten es, gewarnt durch DDT, besser wissen müssen. So dauerte es 20 Jahre, bis die schlimmsten Mittel vom Markt kommen.

Doch die Neoniks-Story ist nicht zu Ende: Erstens dürfen zwei Mittel weiter zum Einsatz kommen, auch im privaten Garten. Und zweitens dringt die Erkenntnis durch, dass die Wirkstoffe langlebig sind und Pflanzen aus der Saatbeize nur geringe Mengen aufnehmen. Der große Rest bleibt im Acker. Tickt da eine Zeitbombe? Denn die Gifte tauchen heute in Pflanzen auf, die nie damit behandelt wurden.

Was lehrt uns der Skandal? Die chemiebasierte Landwirtschaft wird immer für Kollateralschäden sorgen. Verabschieden wir uns von ihr. Man kann die Menschheit auch ökologisch ernähren. Man muss nicht, wie Rübenbauern, auf andere, kaum minder gefährliche Pestizide zurückgreifen. Der Biolandbau macht es uns vor: Es geht auch ohne Gift, ohne Chemie, ohne Risiko für Mensch oder Tier. Er bietet die Chance, die Artenvielfalt zu bewahren oder zurückzuholen.

Wer einwendet, die Bios lieferten nicht genug Ertrag, um Milliarden von Menschen zu ernähren, der geht fehl. Ein kleines bisschen den Einkaufszettel umstellen, sich am Ernährungsstil südlicher oder asiatischer Länder orientieren, also etwas weniger oder gar kein Fleisch essen, vor allem aber erheblich weniger Lebensmittel wegwerfen, dann könnte sie klappen, die überfällige Ernährungswende. Sie verhilft uns zum Frühling voller singender Vögel. 

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