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Nach G20 in Hamburg Die „Welt“ der Doppelmoral

Aktuell tut sich insbesondere die „Welt“ um Chefredakteur Ulf Poschardt als Instanz in Sachen Doppelmoral hervor. Kann sie sich das leisten? Ein Kommentar.

G20-Gipfel
Wer Steine werfen darf, entscheidet das Outfit. Foto: dpa

„Wer wissen will, wie Doppelmoral funktioniert, musste früher Chabrol-Filme gucken, jetzt muss man nur die Medien der Linken studieren“, ereifert sich Ulf Poschardt, Chefredakteur der „Welt“, in seinem Kommentar zur angeblichen Reaktion der Linken auf die G20-Randale in Hamburg. Jetzt müsse man sich im linken Spektrum genau anschauen, wie man es denn so halte „mit der Gewalt“.

Und alle bekommen sie ihr Fett weg, insbesondere SPD-Vize Ralf Stegner. Der twitterte: „Anständige Linke hatten noch nie was mit Gewalttätern gemein. Bei Rechten gehört Gewalt dagegen zur politischen DNA“. Das bricht Poschardt fix darauf herunter, dass es laut Stegner „per definitionem keine ‚linke‘ Gewalt“ gebe. Hat er zwar nicht geschrieben, sondern unter Zuhilfenahme des Wörtchens „anständig“ die Beschreibung der von ihm gemeinten „Linken“ mitgeliefert. Aber wer schaut aktuell schon so genau hin?

An anderer Stelle verknüpft der „Welt“-Chefredakteur Linke und Globalisierungskritiker geschickt mit Antisemiten („Am Anfang stand die große Verabredung, der alte Traum der Solidarität all jener, die etwas gegen Kapitalismus, Globalisierung, Neoliberalismus und – wichtig! – gegen das ‚Apartheidregime‘ Israel hatten“, Ulf Poschardt, 10.7., „Welt“). Was eben auch nicht weiter auffällt, denn die politische konservative Rechte nutzt die Ereignisse in Hamburg gerade, um gegen Linke Tabula rasa zu machen.

Dass sich all die nach eigener Definition Konservativen bislang nie von rechtsextremen Exzessen vor Flüchtlingsheimen distanziert haben – geschenkt, das wurde allerdings auch nie von ihnen verlangt. Hier scheint bewusst die Distanzierung mit der Verurteilung verwechselt, denn verurteilt wird gerade an allen Ecken.

Die „Welt“ und das Thema Militanz

Interessant wird jedoch die Verallgemeinerungsorgie vom Chefredakteur, wenn man sich anschaut, was die „Welt“ sonst noch so zum Thema Militanz publiziert. Am 4. Mai stellte sie die „schönste Demonstrantin“ Venezuelas plakativ ins Netz. Zu sehen ist „ein Steine werfendes Model“, die „44 Jahre alte Caterina Ciarcelluti (die) zur Ikone der Proteste in Lateinamerika“ („Welt“) avanciert sei. „Es ist ein Foto wie ein Gemälde: Das Bild der durchtrainierten Frau mit einem bunt bemalten Helm, Tränengasmaske und einem Stein in der Hand“, schwärmt der Autor Tobias Käufer.

Ciarcelluti scheint sein weibliches Schönheitsideal 1 zu 1 zu bedienen, kein Wunder: Blondes langes Haar, Hotpants und Brüste, die der Playboy auch nicht anders in Szene gesetzt hätte. Doch den richtigen Sexappeal erhält das Bild erst durch die Symbiose mit dem Stein, puh, was für eine Frau, und wie sie gegen Venezuelas Staatsgewalt zu Felde zieht. Militanz, so sexy verpackt, ist dann doch etwas anderes als die schmuddeligen Steinewerfer in good old Germany. Hängt es also am Dresscode?

Steinewerfen dem Dresscode untergeordnet

Es ist klar, dass es sich hier um ein männliche Phantasien bedienendes Stück handelt, das ohne das Bild niemals geschrieben worden wäre. Das ändert jedoch nichts an der offensichtlichen Doppelmoral. Mal ganz abgesehen davon, dass die Szene mit Ciarcelluti möglicherweise eine einzige Inszenierung sein könnte, ist doch interessant, wie Militanz in Gestalt eines halbnackten Frauenkörpers auf einmal schwärmend betextet im „Welt“-Panorama landet. Stein ist also nicht gleich Stein, und Militanz? Kommt wohl darauf an, wann sie von wem wo stattfindet – und offensichtlich auch, gegen wen. Insofern muss sich „Welt“-Chefredakteur Poschardt fragen, was er konkret gegen Doppelmoral hat. Immerhin macht er damit Zeitung.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier G20 in Hamburg

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