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Martin Schulz Die verfrühte Heiligsprechung

Martin Schulz wird in der SPD über die Maße gefeiert. Das könnten die Sozialdemokraten noch bereuen. Ihr Kandidat muss jetzt anfangen, diejenigen ernst zu nehmen, die am unteren Ende der sozialen Skala stehen. Ein Kommentar.

Martin Schulz
Einhundert Prozent der Delegiertenstimmen konnte der neue SPD-Vorsitzende und Kanzlerkandidat, Martin Schulz, beim Parteitag am 19. März auf sich vereinen. Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP

Mit Martin Schulz muss man langsam Mitleid haben. Wer mit einhundert Prozent der Delegiertenstimmen zum SPD-Vorsitzenden gewählt wird, geht mit einem Erwartungspaket in den Wahlkampf, das auf Dauer auch der Stärkste kaum tragen kann. Und wer die sozialdemokratische Basis beim Krönungsparteitag jubeln hörte, ahnt: Wenn die Mathematik nicht wäre, hätten sie ihm auch zweihundert Prozent gegeben.

Schulz muss aufpassen, dass die Jetzt-Kanzler-Plakate, die in der Arena von Berlin-Treptow hochgehalten wurden, nicht irgendwann als Dokumente einer verfrühten Heiligsprechung im Museum landen. Er sollte, bevor es zur Himmelfahrt kommt, von sich aus den Boden der politischen Wirklichkeit betreten. Denn aus der Höhe, in die sie ihn gehoben haben, fällt es sich umso leichter.

In seiner Antrittsrede hat der Buchhändler, nun auch offiziell Kanzlerkandidat, immerhin rhetorisch darauf geachtet, den Bodenkontakt nicht zu verlieren. Seine Aussagen – Investitionen in (kostenlose) Bildung und Infrastruktur, gute Arbeit zu guten Löhnen, Familienförderung, innere Sicherheit, harte Absage an rechten Populismus – verknüpfte er immer wieder mit den Erfahrungen aus Gesprächen mit Bürgern. Und sie sind ja auch geeignet, den „hart arbeitenden Menschen“, die Schulz anspricht, ein Gefühl von dem zu geben, was er am Sonntag „Respekt für ihre Lebensleistung“ nannte.

Aber genügt das? Eher nicht. Herunterkommen ist jetzt das Gebot der Stunde. Und zwar im doppelten Sinne. Zum einen muss der neue Vorsitzende auf die Euphorie-Bremse treten, denn um Inhalte wird noch ganz profan zu kämpfen sein – innerparteilich und gegen die Konkurrenz. Zum anderen sollte Schulz bald anfangen, auch diejenigen anzusprechen, die am unteren Ende der sozialen Skala stehen. Die Ausgegrenzten und Langzeitarbeitslosen kamen auch diesmal nicht vor. Aber eine „Arbeiterpartei“ darf auch sie nicht den Kräften überlassen, die ihren Frust mit Hassparolen auszunutzen versuchen.

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