Lade Inhalte...

Manager in Haft Demütigende Bosheit gegenüber Middelhoff

Der Untersuchungshäftling Thomas Middelhoff, nicht rechtskräftig verurteilt, wird im Gefängnis alle 15 Minuten geweckt. Angeblich wegen Suizidgefährdung. Ein fragwürdiger Akt: Kein Staat darf die Menschenrechte von Gefangenen de facto außer Kraft setzen.

Vor Beginn der Zwangsmaßnahme wog der 1,91 Meter große Thomas Middelhoff 87,4 Kilogramm, jetzt noch etwa 70 Kilo. Foto: dpa

Thomas Middelhoff hat sich seinen miserablen Ruf hart erarbeitet. Sein Triumphalismus, seine wölfisch grinsende Rücksichtslosigkeit, seine Unersättlichkeit und sein zur Schau gestelltes Bewusstsein, das Sieg und Lebenssinn als Synonyme zu betrachten scheint – das alles hat ihm lange Zeit Bewunderung, später Hass, am Ende nur mehr Häme eingetragen. Aber gerichtet hat im November 2014 das Landgericht Essen über keinen größenwahnsinnigen und katastrophal gescheiterten Manager und über keinen düsteren Charakter. Verurteilt wurde der Angeklagte Thomas Middelhoff wegen Untreue in 27 Fällen und Steuerhinterziehung in drei Fällen zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren.

Seitdem sitzt Middelhoff in Untersuchungshaft; das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, Middelhoff hat Revision eingelegt. Als er dort eingeliefert wurde, hat ein Arzt bestätigt: „Vollzugstauglich: ja. Suizidgefährdung: nein.“ Die Gefängnisleitung hat den zweiten Punkt anders gesehen und – wie jetzt bekannt wurde – angeordnet, Middelhoff alle 15 Minuten wegen angeblicher Suizidgefahr zu wecken, in 28 aufeinander folgenden Nächten, das heißt über vier Wochen, über 672 Stunden. Middelhoff sollte also vermeintlich vor sich selbst geschützt werden.

Vor Beginn dieser fürsorglichen Zwangsmaßnahme wog der 1,91 Meter große Middelhoff 87,4 Kilogramm, jetzt noch etwa 70 Kilo, zuvor gab es kein erkennbares Anzeichen einer Erkrankung, inzwischen zerfalle sein Gewebe, so heißt es in seiner Krankenakte, an Händen und Füßen möglicherweise als Folge einer seltenen Auto-Immunkrankheit. Es ist nicht sicher, dass die schwere Erkrankung Middelhoffs auf den vierwöchigen Schlafentzug zurückzuführen ist. Aber unbestritten ist, dass ein über Wochen anhaltender Schlafmangel das Suizidrisiko erheblich steigert.

Auch deshalb wurde der im US-Gefangenenlager Guantánamo praktizierte systematische Schlafentzug von Kritikern als „Folter“ bezeichnet, auch deshalb musste Hubertus Knabe, der Leiter der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, an die „Methoden des DDR-Staatssicherheitsdienstes“ denken, als er von der Behandlung Middelhoffs hörte. Nach allem, was jetzt bekannt ist, scheint es sich bei Middelhoff um einen Fall von „self-fullfilling prophecy“, also von selbsterfüllender Prophezeiung zu handeln. Zwar hat Middelhoff zu Beginn der Untersuchungshaft nach Ansicht des Anstaltsarztes keine Anzeichen einer Suizid-Gefährdung aufgewiesen, aber die Anstaltsleitung hat sie schon damals vermutet: Und jetzt, nach Middelhoffs vierwöchiger Behandlung gegen suizidale Neigungen, würde die Fachwelt diese Vermutung sehr wahrscheinlich bestätigen.

Die Rechte von Häftlingen – auch von Untersuchungshäftlingen – sind naturgemäß beschränkt, aber aufgehoben sind sie nicht. Das Persönlichkeitsrecht des Einzelnen endet nicht am Gefängnistor, auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit macht nicht vor Gefängnismauern halt. Und auch die Verpflichtung des Staates, bei Grundrechtseingriffen das Prinzip der Verhältnismäßigkeit zu beachten, erstreckt sich auf seinen Umgang mit Gefangenen, und das bedeutet: größtmögliche Schonung ihrer körperlichen Integrität.

Die Beurteilung, dass ein über vier Wochen angeordneter Schlafentzug nichts mehr mit Fürsorge zu tun hat, mit Hilfe und Schutz des Gefangenen, sondern nur mehr als Demütigung, Bosheit und Missbrauch einer hilflosen Lage zu begreifen ist, muss nicht erklärt werden – sie versteht sich von selbst.

Natürlich ist der Staat, also die Anstaltsleitung berechtigt und verpflichtet, suizidgefährdete Gefangene fürsorglich zu kontrollieren – mit Blicken des Wärters durch den Spion an der Zellentür oder bei eingeschaltetem Licht in der Zelle im Abstand mehrerer Stunden. Aber der Staat ist weder berechtigt noch verpflichtet, die Menschenrechte des Gefangenen de facto außer Kraft zu setzen und ihn als Person auszulöschen.

Middelhoff ist unschuldig. Nicht etwa, weil er die ihm zur Last gelegten Taten nicht begangen hat, sondern weil das Urteil noch nicht rechtskräftig ist. Und das bedeutet nach Artikel 48 Absatz1 der Grundrechtecharta der Europäischen Union: „Jeder Angeklagte gilt bis zum rechtsförmlich erbrachten Beweis seiner Schuld als unschuldig.“ Middelhoff aber wird in Untersuchungshaft behandelt, wie kein Strafgefangener es ertragen müsste. Ihr Motiv ist das Geheimnis der Anstaltsleitung. Mag sein, dass sie sich im Einvernehmen mit der Mehrheit der Gesellschaft glaubt, die Middelhoff bis ans Ende seiner Tage keine ruhige Nacht mehr wünscht, mag sein, dass es höchstpersönlicher Sadismus ist – so oder so ist es inakzeptabel.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum