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Kommentar Sex für Pflegebedürftige ist ein legitimes Thema

Eine Grünen-Politikerin regt an, pflegebedürftigen Menschen bezahlten Sex zu ermöglichen und sorgt damit für Empörung. Doch absurd ist der Vorschlag nicht - ein Kommentar.

Menschen mit Behinderung sehnen sich nach Zärtlichkeit. Foto: dpa

Es hat nur 24 Stunden gedauert, bis Boris Palmer mit seiner Kritik zur Stelle war. „Kann man denn als Bundestagsabgeordnete gut gemeinte Ideen nicht einfach mal im Koffer lassen, wenn sie so offensichtlich dazu dienen können, uns als weltfremde Spinner abzustempeln? Dieser Jahresanfang ist zum Haare raufen", schrieb Tübingens immer noch grüner Oberbürgermeister auf seiner Facebook-Seite zu der Anregung der pflegepolitischen Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion, Elisabeth Scharfenberg, Kommunen könnten Sex für Alte und Pflegebedürftige finanzieren. Palmer nannte dann als weitere Beispiele den Veggie-Day, die Unisextoiletten oder die Pädophilie-Vorwürfe. Auch das seien „solche Gassenhauer“ gewesen.

Auf den ersten Blick hat Palmer Recht. Die ohnehin verunsicherten Grünen bieten abermals eine offene Flanke. Die können sie gerade gar nicht gebrauchen. Auf den zweiten Blick gibt es freilich keinen Grund für Empörung.

Denn erstens hat Scharfenberg eine Anregung gegeben, keine Forderung erhoben. Sie hat auch nicht von einer Pflicht zu bezahltem Sex gesprochen, sondern von einer Kann-Leistung. Zweitens kann es nicht sein, dass bestimmte Themen nicht angesprochen werden, bloß weil sie ein Verhetzungspotenzial haben – auch nicht in Zeiten, in denen es mit dem herrschenden Terror zweifellos Wichtigeres gibt und Wahlen ins Haus stehen.

Ein tatsächliches Problem

Und drittens sowie vor allem ist fehlende Sexualität für viele Alte, Schwerkranke und Behinderte ein tatsächliches Problem. Sie wünschen sich Sex oder zumindest Körperlichkeit, bekommen ihn aber nicht und können ihn sich auch nicht so ohne weiteres „organisieren“. Dabei geht es um Hunderttausende, ja Millionen, deren Lebensqualität man mit ein wenig Sex gewiss heben könnte. Diese Debatte hat Scharfenberg legitimer Weise angestoßen, deren Thema Pflege nun einmal ist. Soll sie jetzt bis zur Bundestagswahl schweigen? Sich über sie und ihre Idee lustig zu machen, bedeutet letztlich, sich über die Betroffenen lustig zu machen.

Es wird zu durch die Kommunen bezahlter Sexualassistenz gewiss nicht kommen, allein weil Städte und Gemeinden das Geld dazu nicht haben oder es für etwas anderes ausgeben wollen und müssen. Auch stellen sich bei bezahltem Sex durch Prostituierte ethische Fragen. Das jedoch steht auf einem ganz anderen Blatt.

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