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Franziskus Papst für die Welt

Mit jedem Tag wird es unwahrscheinlicher, dass Franziskus mit seinem Reformprozess ans Ziel gelangt. Zwei große Kräfte sind dafür entscheidend.

Drei Päpste, drei Stärken: Johannes Paul II. war der Meister der historischen Symbole und Zeichen: erster Besuch in einer Synagoge und einer Moschee, Schuldbekenntnis der katholischen Kirche. Benedikt XVI. war der Goldschmied mit einer aufs Feinste ziselierten Theologie. Und Franziskus? Auch er weiß, wie Johannes Paul, um die Macht der Bilder in der globalen Mediengesellschaft. Als Jesuit hat auch er, wie Benedikt, Sinn für das gelehrte Sinnieren über Gott und die großen Begriffe der christlichen Tradition. Aber bei dem Argentinier hat beides – die Gestik wie die Rhetorik – eine deutlich irdischere Note. Franziskus ist der Papst aus der Welt für die Welt.

Was er tut oder lässt, kann jeder deuten. Und was er sagt, kann jeder verstehen. Meistens jedenfalls. Bestimmte Redefiguren und Gedankenspiele – wenn es zum Beispiel um den von Franziskus oft bemühten Teufel geht – erfordern Vertrautheit mit der Tradition des geistlichen Schrifttums. Aber das sind die Ausnahmen. Meist formuliert der Papst herzhaft, herzerfrischend und gerade in gesellschaftspolitischen Belangen auch beherzt.

Seine Sensibilität für die Menschheitsfragen unserer Zeit ist Teil seines Erfolgs, auch außerhalb der katholischen Binnenwelt. Obwohl ein geistlicher Führer, ist er auch für säkulare Umweltschützer, Kapitalismuskritiker oder Menschenrechtsaktivisten zum Kronzeugen geworden. Dass eine Sarah Wagenknecht im Bundestag den „Stellvertreter Christi“ mit größerer Emphase zitiert als Karl Marx, das zeigt nicht zuletzt das Humankapital und das identitätsstiftende Potenzial des Papstamts.

Franziskus geht damit ähnlich strategisch um wie sein polnischer Vorvorgänger in der Zeitenwende Ende der 1980er Jahre. Aber er kommt vom anderen Ende her: Johannes Paul blies den Machtanspruch des Papsttums und den römischen Zentralismus im 20. Jahrhundert auf wie einen Ballon bis kurz vor dem Platzen. Franziskus hält diesen Ballon in der einen Hand und eine Nadel in der anderen. Er ist zu klug zuzustechen. Nach dem effektvollen Knall bliebe nur noch eine schlaffe Hülle, die zu nichts mehr taugte. Aber er bedeutet den Menschen: Nehmt das Papsttum nicht zu wichtig! Pustet nicht noch mehr heiße Luft in den Ballon, sondern lasst Dampf ab!

Das ist natürlich eine Zumutung, was sonst? Speziell für einen Apparat, eine Hierarchie, die im Bewusstsein eigener Großartigkeit über den Dingen – und vor allem über den Menschen – zu schweben gewohnt war. Dieser Papst erdet seine Kirche, besser: Er hat damit begonnen.

Dass er mit seinem in dieser Form unerhörten Reformprogramm ans Ziel kommt, wird freilich mit jedem Tag seines Pontifikats unwahrscheinlicher. Seine Gegner setzen inzwischen gar nicht mehr so klammheimlich auf die „biologische Lösung“ – bei einem 81-Jährigen keine ganz abwegige Strategie. Der Papst wiederum setzt den ideologischen und institutionellen Bremsern nicht mehr entgegen als sein persönliches Charisma und die Macht der Rede. Die Abfertigung einiger besonders impertinenter Kurialer, unter ihnen mit Gerhard Müller leider auch ein Deutscher, reicht bei weitem nicht aus, um die angestrebten Veränderungen über den „Point of no return“, den kritischen Punkt hinaus voranzutreiben. So droht mit einem neuen Papst ein reaktionärer Rollback in der Kirche, der angesichts der von Franziskus selbst genährten Hoffnung auf Fortschritt zu einer Zerreißprobe mit kaum absehbaren Folgen führen dürfte.

Im Grunde ist Franziskus somit eine tragische Figur. Er will eine andere, eine neue Kirche. Er spricht von Synodalität und Kollegialität als zwei unerledigten Programmworten des Zweiten Vatikanischen Konzils. Aber er kann ihnen – wenn es ihm ernst damit ist – nicht mit dem über alle Realität strapazierten Herrschaftsanspruch des 19. Jahrhunderts Geltung verschaffen. Der Papst, dessen große Stärke auch ein in der katholischen Kirche unterentwickeltes Denken und Handeln in Prozessen ist, ist in einer Position der Schwäche gegenüber einer in 1000 Jahren eingeübten kirchlichen Machtmechanik.

Ob er an ihr und ihren Mechanikern scheitert oder nicht, das liegt fünf Jahre nach seinem Amtsantritt nicht mehr in seiner Hand. Es sind zwei große Kräfte, die darüber bestimmen: zum Ersten die Entschlossenheit der Katholiken, die franziskanische Wende zum Primat des Lebens vor dem Primat der Lehre in ihrer Lebens- und Glaubenspraxis zu behaupten. Zum Zweiten ein wohlwollendes oder zumindest pragmatisches Interesse der Gesellschaft, dass die Kirche in ihr nicht zum abgekapselten, sektiererischen Fremdkörper verkommen möge. Voraussetzung dafür ist, dass die Kirche nicht unter den Freiheits-, Kommunikations- und Rechtsstandards bleibt, die sich die liberalen, pluralen Demokratien des Westens gesetzt haben. Franziskus, der Papst für die Welt, braucht die Welt für seine Kirche.

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