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Doris von Sayn-Wittgenstein Die AfD-Fürstin und der „Kult mit der Schuld“

Doris von Sayn-Wittgenstein steht in der AfD in der Kritik, weil sie für die rechtsextreme Gedächtnisstätte e.V. in Gutmannshausen geworben hatte. Jetzt distanziert sie sich. Ist das glaubwürdig? Ein Kommentar.

AfD
Doris von Sayn-Wittgenstein hält nichts vom "Kult mit der Schuld". Foto: EIBNER/Dirk_Jacobs (imago stock&people)

AfD-Fürstin Doris von Sayn-Wittgenstein, die Spiegel-Recherchen zufolge als Doris Ulrich zur Welt kam, hat aus ihrer Affinität zum rechten Flügel um Björn Höcke nie einen Hehl gemacht. Jetzt soll der schleswig-holsteinischen Politikerin der Rauswurf aus der AfD-Fraktion drohen. Hintergrund: Am 18. Dezember 2014 soll sie im Internet für den Verein Gedächtnisstätte im thüringischen Guthmannshausen um Unterstützung geworben haben, wie die „Welt“ berichtete.

Gedächtnisstätte e.V. in Gutmannshausen dient bereits als Tagungsstätte, Rechtsextreme wie der NPD-Europaabgeordnete Udo Voigt, Vertreter der neonazistischen Kleinpartei „Die Rechte“ sowie Holocaust-Leugner geben sich hier die Klinke in die Hand. „Der Verein Gedächtnisstätte hat es sich zum Anliegen gemacht, einen zentral gelegenen Ort zu hegen und zu pflegen, der allen geschichtlich Suchenden und Trauernden den Rahmen für eine persönliche Wiederanbindung an das deutsche Schicksal stellt.“ Betont werden das deutsch-nationale Leid,  die „wehr- und waffenlosen Opfer des deutschen Volkes in Trauer und Liebe“; der Verein wird im Verfassungsbericht als rechtsextrem eingestuft.

Nach Informationen der FAZ hat Doris von Sayn-Wittgenstein zugegeben, Werbung für den Verein gemacht zu haben. Mittlerweile distanziere sie sich aber davon, von der Verfassungsfeindlichkeit habe sie 2014 nichts gewusst, und das, obwohl laut nordrhein-westfälischem Verfassungsschutz die Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck-Wetzel bereits 1992 Gründungsvorsitzende war.

Rückrudern ist wenig glaubwürdig

Überhaupt ist das Rückrudern der AfD-Frau wenig glaubwürdig und wohl eher der Angst geschuldet, ihren Parteiposten zu verlieren. Zumindest ist ihr Geschichtsbewusstsein bemerkenswert, wenn es etwa um eine Schrift des Völkerrechtlers und Philosophen Alfred-Maurice de Zayas geht. In „Völkermord als Staatsgeheimnis: Vom Wissen über die ‚Endlösung der Judenfrage‘ im Dritten Reich“ verkauft de Zayas den Holocaust als von staatlicher Seite geheim gehalten, von dem die Bevölkerung nichts habe wissen können. 

„De Zayas versucht unter Berufung auf einen grundsätzlichen Geheimhaltungsbefehl Hitlers vom 11. Januar 1940 die zeitgenössische Wahrnehmung des Völkermords zu verneinen“, schreibt diesbezüglich die FAZ im April 2011 in ihrer Rezension. Und weiter würde mit dieser These der Anweisung eine hohe Wirkungsmacht unterstellt, was historisch nicht haltbar sei: „Mindestens fünfmal hat Hitler in öffentlichen Reden allein im Jahr 1942 an seine Vernichtungsdrohung vom 30. Januar 1939 erinnert. So erklärt er … 1942 im Berliner Sportpalast, dass, ‚wenn das Judentum einen internationalen Weltkrieg zur Ausrottung etwa der arischen Völker Europas anzettelt, dann nicht die arischen Völker Europas ausgerottet werden, sondern das Judentum‘", ergänzt die FAZ.

Kult mit der Schuld

Doris von Sayn-Wittgenstein schrieb kurze Zeit später eine Replik auf die FAZ-Rezension: In „Kult mit der Schuld“ äußerte sie, der „Verriss des Buches“ stimme sie „bedenklich“. Bedenklich, „weil hierdurch wieder der Umerziehung eines Volkes und dem Kult mit der Schuld auf einseitige Weise Vorschub geleistet werden soll“. Sie kenne die deutsche Geschichte von ihren Eltern und Großeltern anders. Das passt insofern ins übliche Bild als nur die Wenigsten nach 1945 bereit waren, ihre Mitwisserschaft an den Verbrechen der Nazis einzuräumen.

Interessant ist hingegen, dass die Umerziehungsthese immer dann aufgegriffen wird, wenn die Geschichtsschreibung modifiziert und der mahnende Blick zurück in die Gräuel des Nationalsozialismus abgelöst werden soll von einer deutschtümmelnden Sicht nach vorne.

Sayn-Wittgenstein  und Björn Höcke haben vieles gemeinsam

Da scheinen sich Sayn-Wittgenstein  und Björn Höcke nah, der in seiner Dresdener Rede 2017 von einer „1945 begonnenen Umerziehung … und einer erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ sprach. Das kann nichts anderes meinen, als den Holocaust endlich ad acta zu legen, wobei die Entnazifizierung hier als „Umerziehung“ negativ konnotiert wird.  

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier AfD

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