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Chemnitz Verschobene Bilder wieder geraderücken

1. UpdateDer Rechtsruck in unserer Gesellschaft hat die Bilder im Kopf verschoben. Das Konzert in Chemnitz ist eine der wenigen Veranstaltungen, die sich zu stemmen versucht gegen das Ungeheuerliche, das in der Stadt gerade passiert. Ein Kommentar.

Konzert in Chemnitz
Beim #wirsindmehr-Konzert in Chemnitz sind auch Plakate im Publikum zu sehen. Foto: rtr

65.000 Menschen kamen nach Chemnitz, um auf dem „Wir sind mehr“-Konzert ein Zeichen gegen Rechts zu setzen. Obwohl dass rund das Zehnfache von dem ist, was rechte und rechtsextreme Gruppierungen in den Tagen zuvor jeweils auf die Straßen brachten, steht am Ende eine entscheidende Zahl: Null Verletzte. Keine Gewalt. Nur ein paar Kreislaufkollapse und Schnittwunden, selbst zugefügt, mussten die Sanitäter behandeln. Die Pressestelle der Polizei verzichtete auf eine Pressemitteilung, weil es schlicht keine Inhalte zu vermelden gebe.

Zum Vergleich: 34 Fälle von Körperverletzung und Nötigung hat die Opferberatung Chemnitz bisher von den Tagen dokumentiert, an denen AfD, Pegida und Pro Chemnitz durch die Straßen zogen. Angegriffen wurden Migranten, Journalisten und Gegendemonstranten, auch gutbürgerliche.  

Man muss diese Bilanz so ausdrücklich erwähnen. Leider. Denn der Rechtsruck in unserer Gesellschaft hat die Politik im Griff und die Bilder im Kopf verschoben. Faschisten und Antifaschisten scheinen im Weltbild einiger konservativer und auch liberaler Politiker dieselbe Gefährdungsstufe für die Demokratie zu besitzen. Nur so ist die absurde Diskussion um einen Facebook-Post von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Vorfeld des Konzerts zu erklären.

Ja, die am Konzert teilnehmende Band Feine Sahne Fischfilet (FSF) wurde vom Verfassungsschutz beobachtet. Ja, sie hat in der Vergangenheit schon häufiger Texte geschrieben, die sich rabiat gegen die Polizei richteten. Man darf das nicht verharmlosen, nicht gutheißen, natürlich. Aber wer das Problem analytisch angeht, steht schnell vor der Frage: Wen wundert’s? FSF kommen aus Mecklenburg-Vorpommern, aus Orten, die als Nazi-Hochburgen gelten. Orte, an denen man ernsthaft um seine körperliche Sicherheit fürchten muss, wenn man nicht zu einer Bruderschaft gehört. Hier wachsen Teenager mit Nazi-Dresche auf, ganz selbstverständlich. Vom Staat, vor allem auch in Form der Polizei, fühlt man sich im Stich gelassen, weil die Beamten nicht zur Stelle sind oder, schlimmstenfalls, der Gegenseite zu nah zu stehen scheinen.

Das Konzert am Montag hat versucht, eine Lücke zu füllen, die die Politik in Chemnitz, in Sachsen und auch in vielen anderen Teilen Ostdeutschlands seit Jahrzehnten reißt: Es wird kein Geld ausgegeben für politische Bildung, kein Geld für humanistische Organisationen, Stellen bei der Polizei werden gekürzt – und es gibt keine klaren Worte. Denn es sind ja so viele, die vermeintlich besorgten Bürger. Potentielles Wahlvolk. Und auch wenn ihre Stimmen schon lange an die AfD und noch extremere Parteien verloren sind, will man sich lieber weiter anbiedern, statt einmal, verflucht nochmal, Haltung zu zeigen und wirklich zu regieren. Was muss denn noch passieren, damit mehr kommt als Rufe danach, die AfD vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen? Mehr als reine Phantomschmerzbehandlung?

Eigentlich hätte deswegen der Skandal sein müssen, dass Steinmeier nur einen Facebook-Post absetzte - und nicht mit Kanzlerin Merkel in der ersten Reihe stand und bei Marteria die Mittelfinger gegen Rassismus in die Höhe hob, auf einer der wenigen Veranstaltungen, die sich zu stemmen versucht gegen das Ungeheuerliche, das da gerade in Chemnitz passiert: Nazi-Aufmärsche, „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“-Rufe und ein Haufen vermeintlich besorgter Bürger, die gar nicht mehr merken, wie tief Rassismus und Menschenfeindlichkeit in ihrem Gedankengut verwurzelt ist.

Immerhin Kanzlerin Merkel hat jetzt angekündigt, endlich persönlich nach Chemnitz zu reisen, als erst zweites Mitglied der Bundesregierung nach Franziska Giffey (SPD). Viel zu spät. Ohne jedes Aber.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Chemnitz

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