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Chemnitz Demokratie ist kein Ponyhof

Chemnitz steht für eine Republik im Ausnahmezustand: erregt, überhitzt, zerrissen. Das demokratische Immunsystem ist angegriffen, die Abwehrkräfte der liberalen Gesellschaft schwächeln. Ein Kommentar von Chefredakteurin Bascha Mika.

Merkel besucht Chemnitz
Zwei Männer befestigen am Karl-Marx-Denkmal ein Plakat mit der Aufschrift „Chemnitz ist weder grau noch braun“. Foto: dpa

Immer wenn man sich ihrer sicher glaubt, ist die Demokratie besonders gefährdet. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber erschreckend aktuell. Wenn Kanzlerin Angela Merkel heute das sächsische Chemnitz besucht, wird sich zeigen, ob sich die rassistischen Krawalle vom Sommer wiederholen oder es massenhaft Widerstand gibt gegen rechte Aufmärsche – auch vonseiten demokratischer Chemnitzer.

Chemnitz steht, wie viele andere politische Ereignisse der jüngsten Zeit, für eine Republik im Ausnahmezustand: erregt, überhitzt, zerrissen. Gleichzeitig ist dieser langanhaltende Erregungszustand ein Symptom der Ermüdung und Schwäche. Ein Hinweis, dass das demokratische Immunsystem angegriffen ist. Dass die Abwehrkräfte der liberalen Gesellschaft schwächeln.

Demokratie muss täglich verteidigt werden

Warum ist diese Demokratie so erschöpft, so ausgelaugt? Über weite Strecken hatten wir sie doch als resistent und wehrhaft betrachtet, wir waren stolz auf unsere in 70 Jahren hart erarbeiteten zivilisatorischen Erfolge.

Um die zu erhalten, haben wir offenbar viel zu wenig getan. Auch Demokratie muss man lernen. Doch wie eine neue Studie zeigt, spielt das Thema dort, wo es zunächst vermittelt werden müsste, nur eine untergeordnete Rolle: Weder Schulen noch Lehrer machen sich hierzulande stark für Demokratiebildung.

Vor allem im Osten der Republik wird Demokratie als ein von oben verordnetes System erlebt, das man nicht selbst gestalten kann. Diese Vorstellung – erneut nur Objekt der Geschichte zu sein – findet sich in allen Generationen. Das macht anfällig für Ressentiments gegenüber dem Staat, autoritäre Männlichkeitsbilder und ein Gefühl der sozialen Benachteiligung.

Doch bei allen gefühlten und realen Mängeln – Demokratie ist kein Ponyhof, sie ist verdammt harte Arbeit. Ihre Zukunft hängt davon ab, wie wir sie und unseren politischen Alltag gestalten. Sie muss sich in der Praxis beweisen, unsere Köpfe und unsere Herzen erreichen. Und wir müssen sie täglich verteidigen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Chemnitz

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