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Anschläge Der Terror wird instrumentalisiert

Terroristische Taten rufen in der Politik unterschiedliche Reaktionen hervor. Der Grad der Empörung hängt davon ab, wer die Täter und wer die Opfer sind.

BVB
Wie es der Mannschaft ging, das war ein Thema. Doch die Tat selbst geriet tatsächlich rasch aus dem Blick. Foto: afp

Die Erklärung lag wie auf einem Buffet bereit. Und der Publizist Jakob Augstein griff zu. Die Tat von Dortmund, schrieb er anklagend, liege „in der Logik des Finanzkapitalismus“. Dabei ist es, wie die linke Bundestagsabgeordnete Halina Wawzyniak feststellte, „eigentlich einfach: Wer Bombenanschläge durchführt, egal vor welchem Hintergrund, handelt mit hoher krimineller Energie. Immer.“

Auf viele mögliche Täter war ja nach dem Attentat auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund getippt worden: auf Islamisten, Rechtsextremisten, Fußballchaoten. Dass ein Deutsch-Russe in Tötungsabsicht Bomben zündet, um sich an der Börse zu bereichern, auf diese perverse Idee war niemand gekommen.

Eine wichtige Anmerkung machte indes bereits vor Tagen der Bundestagsabgeordnete Konstantin von Notz. „Es ist wirklich erstaunlich, wie der Anschlag auf den BVB und seine Aufklärung öffentlich seit Tagen völlig unterm Radar fliegen“, schrieb der Grüne am Mittwoch bei Twitter. Wie es der Mannschaft ging, das war ein Thema. Doch die Tat selbst geriet tatsächlich rasch aus dem Blick.

Dafür gibt es zwei naheliegende Erklärungen: Die Öffentlichkeit ist des Terrors müde. Und: Es gab keine neuen Fakten. Eine dritte Erklärung scheint aber nicht minder plausibel. Da über die Urheber der Tat Ungewissheit herrschte, fehlte die notwendige Emotionalisierung, die sich aus der Gegnerschaft zu etwas ergibt und meist in eine Instrumentalisierung mündet. Bezeichnend war in diesem Zusammenhang die öffentliche Kritik des konservativen CDU-Bundestagsabgeordneten Philipp Lengsfeld an einem Journalisten der „Welt“. Letzterer hatte erörtert, warum ein islamistisches Motiv in Dortmund eher fern lag. Es sei nicht Aufgabe von Journalisten, solche Spekulationen anzustellen, so der Christdemokrat Lengsfeld.

Zwar behaupten alle Beteiligten stets, dass sie Terror – egal von welcher Seite – schlimm finden. Der Grad der öffentlichen Aufmerksamkeit und Empörung hängt gleichwohl davon ab, wer die Täter und wer die Opfer sind. Entscheidend bleibt, ob sich ein Ereignis ins eigene Weltbild einpassen lässt.

So ist bei islamistischen Anschlägen das konservative Spektrum dominant. Solche Attentate gelten als Beleg für vermeintliche oder tatsächliche Schwierigkeiten, die es mit Muslimen generell gibt. Angst und Zorn sind verständlich. Islamisten haben in der Regel das Ziel, möglichst viele Menschen zu töten. Und die Begründung ist die eines Religions- und Kulturkampfes: Wir gegen die.

Die konservativen Ankläger schweigen hingegen, wenn hundertfach Brandsätze auf Unterkünfte von Asylsuchenden fliegen. Was Islamisten oder Linksextremisten tun, deuten sie als Terror. Was Rechtsextremisten tun, nicht. Dafür tritt in diesen Fällen die politische Linke auf den Plan. Der Autor Eren Güvercin hat die Mechanismen gestern mit dem Tweet erleuchtet: „Nach der Logik der Islamismus-Debatten müssten deutsche Aktienbesitzer jetzt schnell mal ein Bekenntnis zur Gewaltfreiheit ablegen.“

Es wird also auf- und gegengerechnet. Wenn sich eine Mordserie wie im Münchner Einkaufszentrum im Juli 2016 nicht als die erwartete islamistische Tat entpuppt, sondern als Amoklauf eines gemobbten Jugendlichen mit Migrationshintergrund, der andere Migranten niedermäht, dann treten Ratlosigkeit und Stille ein. Komplexe Wahrheiten sind vordergründiger Empathie nicht dienlich.

Das Attentat von Dortmund fällt mithin durch alle bisher bekannten Raster. Es lässt sich allerhöchstens noch als anti-kapitalistisches Statement zweckentfremden. Wir sollten auch darauf verzichten. Es war versuchter Mord. Sonst nichts.

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