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ANALYSE Steinmeiers Besuch bei (Ex-) Freunden

Die Eurokrise hat einen Keil zwischen Deutsche und Griechen getrieben. Das wird auch der Bundespräsident spüren, wenn er jetzt Athen besucht.

Frank-Walter Steinmeier wird am Mittwoch von seinem griechischen Amtskollegen Prokopis Pavlopoulos vor dessen Palais in der Athener Herodes-Attikus-Straße mit militärischen Ehren empfangen. Beide Staatsoberhäupter verbindet ein herzliches persönliches Verhältnis. Auch die Chemie zwischen Steinmeier und dem griechischen Premier Alexis Tsipras, der gleich nebenan residiert und den Bundespräsidenten am Donnerstagvormittag empfangen wird, ist gut.

Tsipras hatte Steinmeiers Wahl zum Bundespräsidenten im Februar vergangenen Jahres auf Twitter als „Signal der Hoffnung“ begrüßt. Die für Donnerstagabend geplante Verleihung der Ehrendoktorwürde der Athener Universität an den Bundespräsidenten zeigt, dass Steinmeier über die Politik hinaus in Griechenland wertgeschätzt wird.

Und doch: So viel Begeisterung, wie sie dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron vor gut einem Jahr entgegenschlug, kann Steinmeier nicht erwarten. Macron hielt damals von dem Versammlungshügel Pnyx, wo in der Antike Perikles und später der Apostel Paulus zu den Athenern sprachen, eine an die ganze Welt gerichtete, feierliche Grundsatzrede über die Demokratie.

Die Griechen waren hingerissen. Früher waren einmal die Deutschen die beliebtesten Ausländer in Griechenland. Das hat sich geändert. Jetzt gehört ihr Herz den Franzosen. Von ihnen fühlten sich die Hellenen in der Krise verstanden. Von den Deutschen sind sie enttäuscht.

Der Euro sollte nicht nur die Ökonomien, sondern auch die Völker der Währungsunion einen. Aber Deutsche und Griechen hat er entzweit. „Betrüger in der Eurozone“ titelte im Februar 2010 das deutsche Magazin „Focus“ und bildete auf dem Titel die Liebesgöttin Aphrodite mit Stinkefinger ab. Griechische Medien schossen zurück – vor allem gegen Kanzlerin Angela Merkel, die man in Griechenland als treibende Kraft hinter dem „Spardiktat“ sah, das dem Land die längste und tiefste Rezession der Nachkriegsgeschichte bescherte. Zeitungen bildeten Merkel mit Hitlerbärtchen und SS-Uniform ab. Der Karikaturist der Zeitung „To Vima“ zeichnete die Kanzlerin als Zirkusdompteuse, die mit knallender Peitsche griechische Rentner zum Sprung durch einen brennenden Reifen antreibt, mitsamt Rollator.

Der Tiefpunkt jener Jahre ist zum Glück überwunden. Aber genau wie sich Griechenland von der Rosskur des Sparprogramms bis heute nicht erholt hat, sind auch die deutsch-griechischen Beziehungen nicht wieder auf dem Vorkrisenniveau angekommen. Damals führten die Deutschen die Skala der beliebtesten Ausländer mit fast 80 Prozent an. Inzwischen sind laut Umfragen nur noch 33 Prozent der Griechen den Deutschen wohlgesonnen.

Steinmeier weiß, dass die Vorbehalte nicht ihm persönlich gelten. Wie viele Sozialdemokraten genießt er unter den Griechen Ansehen. Dabei hat er die Athener Regierung nicht geschont. Als Außenminister sagte er im Juni 2015, als die Konfrontation des neuen Premiers Tsipras mit den Geldgebern ihren Höhepunkt erreichte, er sei „fassungslos“ über den „Zickzackkurs“ der Athener Regierung. Und bei seinem ersten Besuch drängte er die Griechen nachdrücklich, den Weg der Einsparungen weiterzugehen.

Premier Tsipras dagegen schickt sich nach dem offiziellen Ende des Kreditprogramms bereits an, versprochene Sparvorgaben wieder infrage zu stellen. Schließlich wird im nächsten Jahr in Griechenland gewählt.

Steinmeier ist mit der schwierigen Stimmungslage vertraut. Als Außenminister war er in den Krisenjahren dreimal in Griechenland. Das Land liegt ihm am Herzen. Das unterstreicht er auch mit dieser Reise.

Es ist bereits die zweite Visite in Athen in der Rolle als Bundespräsident. Schon drei Wochen nach seiner Wahl zum Staatsoberhaupt kam Steinmeier im April 2017 nach Griechenland . Er wolle mit seiner „frühen Reise“ nach Athen ein Zeichen setzen, sagte Steinmeier damals: „Ein Zeichen, dass für uns Deutsche Griechenland zum gemeinsamen europäischen Haus gehört.“

Schon damals wurde Steinmeier in Athen mit einer Frage konfrontiert, die bei jedem Besuch eines Bundespräsidenten in Griechenland zur Sprache kommt: der Forderung nach Reparationen für deutsche Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Auch diesmal wird die griechische Seite das Thema vortragen. Was Steinmeier dazu denkt, hat er schon bei seinem ersten Besuch deutlich gemacht: „Für Deutschland ist das Thema völkerrechtlich abgeschlossen“, sagte er in einem Interview.

Das bedeutet aber nicht, dass der Bundespräsident dieses dunkle Kapitel der deutsch-griechischen Geschichte ausblendet: Die Reise nach Griechenland wird Steinmeier auch in ein ehemaliges Nazi-Konzentrationslager bei Athen führen.

 

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