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Analyse Die Mär der Lebensversicherer

Firmen verdienen trotz niedriger Zinsen gut. Sie behaupten das Gegenteil, um Kunden nicht zu viel auszahlen zu müssen.

18.09.2015 19:41
Von Holger Balodis

Angeblich sind die deutschen Lebensversicherer ja in Not: Der Staat hat sie mit der ruinösen Niedrigzinspolitik in die Bredouille gebracht und am Ende leiden die Sparer. Die bekommen kaum noch Überschüsse. Womöglich noch nicht mal die in der Vergangenheit fest zugesagten Garantiezinsen. Punkt. Was daran stimmt: Die Kunden leiden wirklich. Neue Verträge rechnen sich nicht, führen unterm Strich oft sogar zu Verlusten. Was hingegen ebenso wahr ist: Den deutschen Lebensversicherungen selber geht es blendend.

Das Gejammer um die Folgen des Niedrigzinses ist ein Lügenkonstrukt, um den Kunden noch weniger zahlen zu müssen als in der Vergangenheit. Was die Unternehmen gerne verschweigen: Die Firmen Allianz, Ergo & Co. erzielen mit dem Geld ihrer Kunden milliardenschwere Überschüsse. Im Jahr 2013 waren es beispielsweise 17,7 Milliarden Euro – bei einem Umsatz von rund 90 Milliarden Euro. Damit gehören Lebensversicherer zu den profitabelsten Wirtschaftsunternehmen überhaupt.

Die Kunden erhalten hingegen für die meisten neuen Renten- und Lebensversicherungen nur noch einen garantierten Zins im homöopathischen Bereich oder die Verträge sehen gar keinen Garantiezins mehr vor. Die Überschussbeteiligung ist zudem seit Jahren im Sturzflug. Viele Altkunden bekommen schon lange nichts mehr zugeteilt. So wird das, was eigentlich als Altersvorsorge gedacht war, für viele zu einer Geldvernichtung.

An der Stelle fragen sich viele Bürgerinnen und Bürger: Dürfen die Versicherer das eigentlich? Und wenn nein, warum unternimmt der Staat nichts dagegen? Antwort: Ja, sie dürfen. Und der Staat fördert sie noch massiv dabei. Schließlich hat er das große Geschäft mit privaten Lebensversicherungen doch selber initiiert. Mit der Förderung von Riester- und Rürup-Renten, die massiv subventioniert werden. Und dem Ausbau von arbeitnehmerfinanzierten Betriebsrenten, die überwiegend auch von Allianz, Ergo & Co. organisiert werden. Seit rund 15 Jahren schicken alle Bundesregierungen die Bürger in solche Produkte. Wurden verbindliche Qualitätsstandards festgelegt? Fehlanzeige. Wurden Kostenbegrenzungen festgelegt? Fehlanzeige.

So dürfen die Lebensversicherer weitgehend machen, was sie wollen. Beispiele: Sie dürfen den Kunden rund fünf Milliarden Euro Verwaltungskosten berechnen, obwohl tatsächlich nur zwei Milliarden Euro anfallen. Sie dürfen ihren Kunden auf dem Papier eine Lebenserwartung von 100 oder mehr Jahren unterstellen, was die monatlichen Renten später kümmerlich klein macht. Sie dürfen riesige Summen mit Buchhaltungstricks so verschieben, dass die Kunden auf lange Zeit nicht mehr herankommen. Obwohl es doch eigentlich deren Geld ist. Alles völlig legal. Eben legaler Betrug, wie das Landgericht Hamburg bereits vor Jahrzehnten im Jahre 1983 feststellte. Vermutlich ist seit den Riester-Reformen alles sogar noch schlimmer geworden.

Zugekleistert wird das Ganze heutzutage gerne mit dem Argument „Niedrigzinsen auf dem Kapitalmarkt“ verhinderten hohe Erträge. Die meisten Medien spielen da gerne mit und sprechen davon, dass die Europäische Zentralbank (EZB) das Produkt Lebensversicherung und die Altersversorgung der Menschen gefährde. Damit gehen sie genauso wie viele Politikerinnen und Politiker der Versicherungsbranche auf den Leim.

Und das ist sogar ein klein wenig verständlich. Schließlich weiß jeder, dass die Sparzinsen bei nahe null liegen und auch Bundespapiere kaum noch etwas abwerfen. Doch schauen wir einmal in die Statistik der deutschen Lebensversicherer. Demnach hat sich das Geld der Kunden im Jahr 2014 mit 4,63 Prozent verzinst. Und das sogar netto, also nach Abzug der Kapitalanlagekosten. Im Jahr davor waren es sogar 4,68 Prozent, im Schnitt der letzten zehn Jahre 4,47 Prozent. Da reibt man sich verwundert die Augen: So viel kassieren die Versicherer selber und im gleichen Zeitraum wurde der Garantiezins für die Kunden in mehreren Schritten auf 1,25 Prozent gesenkt. Und weil längst nicht alle Einzahlungen verzinst werden, bedeutet das, dass sich der Garantiezins gefährlich der Nulllinie nähert.

Es gibt ihn also tatsächlich, den Niedrigzins – aber nur für die Kunden. Firmen wie Allianz und Ergo & Co. streichen hingegen ungeniert mit dem gut angelegten Geld ihrer Kunden Zinsüberschüsse in Milliardenhöhe ein. Die Lebensversicherer sind eben doch schlauer, als viele dachten. Vor allem ist es ihnen gelungen, den Politikern Gesetze und Vorschriften aus den Rippen zu leiern, die es ihnen erlauben, den Kunden gewaltige Geldströme vorzuenthalten.

Beispiele sind die Bewertungsreserven auf festverzinsliche Wertpapiere und die Zinszusatzreserve. Beides führt dazu, dass die Auszahlungen an Kunden heute und in den nächsten Jahren zusammenschmelzen wie Eis in der Sonne. Klar, natürlich ist der böse Niedrigzins daran schuld. Für eine Gruppe gilt er übrigens nicht, der Niedrigzins: Die Aktionäre von Allianz und Münchner Rück (Mutterkonzern des Lebensversicherers Ergo) schütteten im laufenden Jahr Dividenden in Rekordhöhe aus und verkündeten bereits, dass diese auch in den nächsten Jahren nicht sinken sollen. Not klingt anders.

Holger Balodis ist Volkswirt, Altersvorsorgeexperte und Buchautor. Rund 25 Jahre arbeitete er als Fachautor für ARD-Fernsehanstalten und schrieb zahlreiche Bücher für Verbraucherzentralen und Finanztest. Vor wenigen Tagen erschien im Westend-Verlag sein neuestes Buch: „Garantiert beschissen. Der legale Betrug mit den Lebensversicherungen“.

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