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Kommentar Vertrauen in Organspende mit Transparenz schaffen

Die Bundesparteien wollen die Zahl der Organspender mit regelmäßiger Infopost erhöhen. Offene Diskussionen und Transparenz hält unser Autor jedoch für hilfreicher, um mehr Menschen von der Organspende zu überzeugen.

Gesundheitsminister Daniel Bahr mit Organspendeausweis. Foto: dpa

Da loben sie sich also mal wieder selbst. Monatelang haben die sechs Bundestagsparteien darüber verhandelt, wie die Zahl der Organspender erhöht werden kann, aber das Ergebnis ist mager. Wenn künftig regelmäßig Post von der Krankenkasse mit Aufklärungsmaterial nach Hause kommt, kann der Einzeln das Ganze genauso in den Mülleimer wandern lassen wie irgendeine Werbung. Die Zahl derjenigen, die auf Grund der nun geplanten Schreiben am Ende ein Ja auf einem Organspendeausweis ankreuzen, dürfte sich in Grenzen halten. 

Was fehlt, ist ein zumindest sanfter Druck, um mehr Menschen für die Organspende zu gewinnen. Jeder Mensch sollte gezwungen sein, sich mit der Frage auseinanderzusetzen. Denn jeder Mensch könnte in die Lage kommen, ein Spenderorgan zu benötigen. Und spätestens dann werden selbst diejenigen, die eine eigene Spende bisher ablehnten, gern auf die Hilfe anderer zurückgreifen. 

Eine Lösung, die in Frage kommt, wäre die Widerspruchslösung: Jeder Mensch ist Spender, solange er nicht widerspricht. Das erhöht den Druck, sich mit der Frage der eigenen Spendenbereitschaft zu beschäftigen, jedoch anders als vielleicht vermutet nur gering. Das Beispiel Spanien zeigt, dass trotz der Widerspruchslösung letztlich doch wieder die Familie  darüber entscheiden (muss), ob der Angehörige  als Spender in Frage kommt. Die Zahl der tatsächlich in Frage kommenden Spender ist daher nicht wesentlich höher als in Deutschland. 

Wer nicht spenden will kommt später dran

Es gibt eine weitere Möglichkeit , die jedoch auf den ersten Blick brutal aussieht: Wer kein Spender sein will, bekommt dann, wenn er selbst auf ein Organ angewiesen ist, ein Malus auf der Warteliste. Das wäre eine saubere Lösung, die jeden zwingen würde, sich mit der Problematik auseinanderzusetzen und im Zweifel eher das Ja anzukreuzen. Diese Variante hätte aber auch für diejenigen einen Vorteil, die aus religiösen oder anderen Gründen selbst nicht spenden wollen. Denn wer eine Organspende für sich ausschließt, nimmt durch die Malus-Regelung Nachteile in Kauf und muss sich damit nicht mehr für seine Entscheidung rechtfertigen. Das hätte in der Gesellschaft auch eine befriedende Wirkung. 

Was bei dem nun gefundenen Kompromiss jedoch vor allem fehlt, ist eine offene Diskussion über die Fragen, die  sich viele Menschen stellen: Bin ich wirklich tot, wenn die Ärzte den Hirntod feststellen? Ist der Hirntod überhaupt das richtige Todeskonzept? Habe ich eine schlechtere Überlebenschance, wenn die Ärzte wissen, dass ich Organspender bin? Warum werden die Kriterien für die Vergabe von Spenderorganen und das gesamte Procedere in die Hand von Akteuren (Bundesärztekammer, Deutsche Stiftung Organtransplantation, Eurotransplant) gelegt, die demokratisch nur unzureichend legitimiert sind und intransparent arbeiten?  Warum legt nicht der Bundestag alle Einzelheiten fest, die die Organspende betreffen? 

Solange Entscheidungen über Leben und Tod getroffen werden, die fast vollständig der rechtsstaatlichen Aufsicht und Kontrolle entzogen sind, werden die Menschen zweifeln.  Nur durch Transparenz und Information kann Vertrauen geschaffen werden. Das ist unabdingbare Voraussetzung dafür, mehr Menschen für die Organspende zu gewinnen.

 

 

 

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