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Zuwanderung "Fremde" Deutsche

Die Nachkriegszeit des Landes, das zu den grausamsten Verbrechen an "Fremden" fähig war, wird erst vorüber sein, wenn die Deutschen verstanden haben, dass auch Zuwanderer Deutsche sind. Die Kolumne.

Flüchtlingskinder in Berlin - ihre Zukunft liegt in Deutschland. Foto: dpa

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Wir waren gerade rechtzeitig fertig geworden am Abend des 2. Oktober 1990, als die großen Einheitsfeierlichkeiten begannen. Jemand hatte schon einen Schlafsack auf das alte Sofa neben dem Diensttelefon gelegt. Die Leitung mit der Polizei stand. Wir hatten in fast allen Unterkünften der Ausländer jemanden mit Zugang zu einem Telefon.

Das Feuerwerk machte ferne, ploppende Geräusche, als das Telefon das erste Mal klingelte. Ein Notruf von angegriffenen Vietnamesen, den wir gleich der Polizei weiterleiteten. Dem folgten noch einige mehr, vier oder fünf, insgesamt also eine ruhige Nacht. Am Morgen danach im nun vereinten Deutschland trug Lenin auf dem Denkmal noch immer die Schärpe mit der Aufschrift „Keine Gewalt“, jenem Slogan der friedlichen Revolution. Für die DDR-Deutschen hatte er unverhofft Erfolg. Ein Blutvergießen blieb aus. „Keine Gewalt“ – Ausländer und Migranten in Ost und West jedoch waren damit nicht gemeint.

Ein wiedervereinigungsbesoffenes Land

Als ich am Tag nach der Maueröffnung im Westen mit Tausenden Freudetaumelnden ankam, empfingen uns türkische Obsthändler. Sie verschenkten, was sie hatten – auch Bananen. Einige der Ossis nahmen das Obst und schrien gleichzeitig, dass die Türken dann auch gleich verschwinden könnten, denn jetzt seien sie ja da. An einer anderen Stelle der durchbrochenen Mauer stand eine kleine Gruppe Vietnamesen, unschlüssig, ob sie jetzt auch in den Westen dürften oder nicht. Sie konnten weder vor noch zurück. Was würde das alles für sie bedeuten? Sie standen dort, bis jemand ihnen mit ausgestrecktem Arm und Finger barsch den Weg ins Nirgendwo wies. Bald danach gab es im vereinten Deutschland die ersten Toten, unter ihnen Amadeu Antonio Kiowa.

Im wiedervereinigungsbesoffenen Land waren die „Fremden“ dann kein Thema mehr. In den Westbetrieben wurden sie bald durch Ostdeutsche ersetzt und im Osten, wo es ging, abgeschoben. Das Staatsbürgerrecht war Blutsrecht und jede politische Diskussion um Einwanderung vorbei. Die Pogromnächte von Rostock und Hoyerswerda rechtfertigten Politiker und Medien mit der „Asylflut“ jener Jahre. Die Toten von Mölln und Solingen konnten damit nicht erklärt werden. Kurz nach der Einheit hatte sich eine rassistische Stimmung entwickelt. Täter aus Ost und West machten keinen Unterschied zwischen Flüchtlingen und den Arbeitsmigranten. Sie alle sollten einfach verschwinden. Die Folgen davon sind bis heute zu spüren.

Kaum ein Thema sagt so viel aus über Deutschland wie die Geschichte der Einheit aus der Sicht der Einwanderer. Es hätte kein Einheitsfeuerwerk gegeben ohne die Teilung. Es hätte keine Teilung gegeben ohne den Kalten Krieg. Und es hätte keinen Kalten Krieg gegeben ohne den Zweiten Weltkrieg, den rassistischsten und antisemitischsten, den die Menschheit bisher durchleiden musste.

Die Nachkriegszeit des Landes, das zu den grausamsten Verbrechen an „Fremden“ fähig war, ist erst vorbei, wenn endlich darüber Klarheit herrscht, dass seine Minderheiten eben keine „Fremden“, sondern auch Deutsche sind. Zu den Einheitsfeiern zum 25. Jahrestag werden wir wohl noch einige Telefonketten zum Schutz von Flüchtlingen einrichten müssen. Und da es nun Handys gibt, braucht wenigstens niemand im Büro zu übernachten.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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