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Zivilgesellschaft Wer vom Positiven erzählt, gilt als Trottel

Das Positive ist zu normal, es löst keine Hysterie aus, verkauft sich schlecht, erzeugt keine Klicks. Doch es ist die Basis unserer Gesellschaft. Und diese Basis ist stabil. Die Kolumne.

Flüchtlinge in Hessen
Über Probleme erfahren wir viel, über Normalität weit weniger - nicht nur, wenn es um das Symbolthema Flüchtlinge geht. Foto: Imago

Mal ganz ehrlich: Wie viele Menschen haben mit Flüchtlingen Silvester gefeiert ohne jeden Skandal? Wie viele beginnen ein neues Jahr, aber fahren fort, sich ehrenamtlich zu engagieren? Wie viel Erfahrung ist längst angekommen und angenommen über die Bedingungen des Zusammenlebens mit Geflüchteten? Über Probleme erfahren wir viel, über Normalität weit weniger. 

Diesem Grundsatz folgen Produzenten wie Konsumenten von Nachrichten eigentlich immer. Nicht nur, wenn es um das Symbolthema Flüchtlinge geht. Wer sich dann hinstellt und vom Positiven erzählen will – ganz gleich, was es ist –, gilt als Trottel, der die Dramen unserer Zeit nicht versteht.

Ja, es gibt eine Normalität in Deutschland, die anständig ist, selbstverständlich und selbstlos. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung engagiert sich ehrenamtlich. Das Engagement ist kein Hobby von einsamen Omas oder überqualifizierten und unterbeschäftigten Hausfrauen. Hier entstand eine Bewegung, ein gesellschaftlicher Schatz, eine Form von Verantwortungsübernahme, die wir in allen Teilen der Gesellschaft finden.

Die Regierung ist nicht alles

Diese Menschen sind die zivile Gesellschaft, denn sie zivilisieren die Lust an der Hysterie. Zivil in diesem Sinne ist Antipode zu unzivil. Und unzivil ist es, Menschen ihrer Herkunft oder Orientierung wegen zu verachten oder gar anzugreifen. 

Die Zivilgesellschaft hat sich von je her für Menschenrechte eingesetzt. Ohne sie gäbe es keine Parlamente, keine Zivilrechte, kein Wahlrecht für Frauen, keine Gewerkschaften, keine Gleichberechtigung, keine Ehe für alle.

Gruppen, Vereine, Assoziationen haben aus den Konflikten im Alltag, aus dem Kampf gegen Ungerechtigkeiten verschiedenster Art auf Reformen und politische Entscheidung gedrungen. Ohne sie gäbe es keine Parteiprogramme, in denen auf Fortschritte auch in den Details bestanden wird. Ohne die Zivilgesellschaft in ihrer Beharrlichkeit, ihren unbequemen Erfahrungen und ihrer Freiheit gäbe es keine Demokratie. 

Also bei aller Hysterie, die gewiss groß ist, aber sich nicht ewig hält, sollten wir nicht vergessen, dass es nicht nur die Parteien sind, die gesellschaftliche Themen bestimmen. Sie bestimmen sie mit. Sie bilden einen Teil der politischen Realität ab. Und diese Realität verhandelt gerade eine mögliche große Koalition.

Bei allen politischen Gewinnen und Verlusten wird es am Ende eine Regierung geben, die das bürgerschaftliche Engagement zu schätzen weiß. Und nicht bekämpft. Warum das wichtig ist?
Nicht die 68er-Generation als politischer Faktor hat den Fortschritt gebracht, sondern die engagierten Bürger. Wer das zurückrollen will, wer gegen die erreichten oder noch zu erreichenden Menschenrechte in der Einwanderungsgesellschaft antreten will, der nimmt es mit der Bürgergesellschaft auf. Und die gibt es überall in zahllosen Initiativen, Vereinen, Verbänden, Instituten, Nachbarschaften. Die Bürger lassen sich ihre Beteiligung nicht nehmen und auch nicht, Positives zu berichten. Trotz aller Hysterie, es sind keine Trottel! 

Im Gegenteil, Trottel sind, die versuchen, Engagement lächerlich zu machen, zu ignorieren oder gar zu bekämpfen. Konservative Revolution? Oder ein völkisch geprägtes Deutschland? Solange das Zivile in der Gesellschaft so stark ist wie jetzt, wird das nicht passieren.

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