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Wölfe in Deutschland Wackersteine im Bauch

Einst retteten Mutter Geiß und ein Jäger die Opfer des bösen Wolfs. Heute ist für Gräuelmärchen eigentlich kein Platz mehr, denn der Wolf gehört zu Deutschland. Die Kolumne.

Wölfe in Deutschland
Dieser Wolf ging bereits 2015 in Schleswig-Holstein in die Fotofalle. Foto: wolfsbetreuer.de/dpa

Voll erwischt, diesmal in Unterfranken! Ein Wolf tappt in die Fotofalle und trabt weiter. Voll erwischt hatte es auch einen Wolf in Sachsen, vor einem Jahr. Doch der trabte nicht weiter, sondern wurde, von Kugeln durchsiebt, mit einem Betonklotz im See versenkt.

Das ist schon fast märchenhaft. Denn jener Bösewicht, der unser braves Rotkäppchen gleich nach der guten Großmutter verschlang, wurde ja auch mit Steinen im Bauch entsorgt. Gleiches geschah zudem seinem hinterlistig Kreide fressenden Artgenossen, der sich in betrügerischer Absicht als Mutter Geiß ausgegeben und dann sechs naive Geißlein einverleibt hatte.

Diese und andere Gräuelmärchen prägen bis heute das Wolfs-Image. Jedenfalls retteten der umsichtige Förster aus dem Oma-Enkelin-Melodram und die offenbar alleinerziehende tüchtige Frau Geiß die Opfer, indem sie den Untieren den Bauch aufschnitten. Da war beide Male Gefahr im Verzug, und das ist bis in unsere Tage, wie man aus manchem Fernseh-Tatort weiß, die Erlaubnis, auch mal am Rande der Legalität zu agieren.

Bei der Wolfstötung durch eine Geißenmutter wäre die Rechtslage heute wohl schwierig zu klären, aber eine Wolfstötung durch den Jäger, beamtet oder nicht, zöge zumindest eine strafrechtliche Untersuchung nach sich. Denn der Wolf ist gesetzlich geschützt.

Dass es dennoch immer wieder illegale Wolfstötungen gibt, von denen nur wenige nachgewiesen und noch weniger aufgeklärt werden, muss einen traurig stimmen. Und ärgern! Die Bilder von Schäfchen, die der Wolf gerissen hat, treffen so manchen ins Herz. Die Lämmer, welche auf den Weiden an anderen Ursachen sterben, schaffen es hingegen nicht bis ins Fernsehen und finden keine Beachtung.

Die – vermeintlichen – Gemetzel kann man aber nicht dem Wolf anlasten. Sie sind überwiegend verursacht durch falsches Management der Weidetiere. Herdenschutzhunde, richtig gestellte Elektrozäune, wehrhafte Esel sind ebenso einfache wie wirksame Mittel, Schafherden vor Wölfen zu schützen. Da ist es schon befremdlich zu sehen, wie sich fast flächendeckend die Landwirtschaftsministerien wegducken, wenn es um die Wölfe geht, und so tun, als ob das eine Angelegenheit sei, die allein in der Zuständigkeit der Umweltbehörden liegt. Soll denen der berüchtigte Schwarze Peter zugeschoben werden? Regelungen zur Weidetierhaltung liegen jedoch in der Verantwortung der Agrarbehörden. Denn endlich gehört der Wolf wieder zu Deutschland.

Andere Länder wie Italien machen seit Jahrzehnten vor, wie der Wolf, der Mensch und sein Vieh zusammen existieren können. Klar, verantwortungsvolle Bauern müssen für Schäden an ihren Weidetieren Kompensationen bekommen. Das ist ohne größeren Aufwand machbar. Die Stimmungsmache gegen diesen scheuen Hundeverwandten behindert jedoch in Deutschland noch immer eine sachliche Diskussion.

Vielleicht sollte man mal ein Märchen schreiben, in dem der echte Wolf, seine faszinierende Rolle im Naturhaushalt, seine liebevolle Jungenaufzucht, sein spannendes Familienleben zum Tragen kommen.

Aber das wäre dann ja kein Märchen mehr, sondern es wären Fakten. Doch es scheint ein Trend der Zeit zu sein, dass Meinungen, und seien sie noch so falsch, mehr zählen als Fakten. So gesehen liegt die Polemik um den Wolf, diesen hinterhältigen, rotkäppchenfressenden Übeltäter, voll im Trend.

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