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WM in Russland Vom uferlosen Bösen

Nicht nur beim Fußball foulen manche brutal. Auch im Internet verroht bei vielen die Sprache. Was müssen wir daraus lernen? Die Kolumne.

Uruguay
Nach großem Kampf steht Uruguay im Viertelfinale. Foto: rtr

Erinnert sich noch jemand an den Mann, der Uwe Seeler geohrfeigt hat? Troche hieß er. Horacio Troche. Er spielte für die Nationalelf Uruguays. Im Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft 1966 in England war er nach einem Foul an „uns Uwe“ des Feldes verwiesen worden. Aber ehe er den Platz verließ, bekam Uwe noch „eine von ihm geschossen“, wie es damals im Jugendjargon hieß. Ich war sieben und habe die Szene seither nie vergessen. Sie war für mich der Inbegriff des Bösen. Den fairen Uwe Seeler erwischte es mitten im Gesicht.

Wann immer Uruguay fortan bei einer Fußball-Weltmeisterschaft antrat, habe ich das Spiel der Südamerikaner mit Argwohn betrachtet. Während ich das Auftreten Chiles seit jeher mit Sympathie verfolge, die Brasilianer bewundre und den Argentiniern Respekt zolle, wünsche ich den „Urus“ die Schmach der Niederlage.

„Urus“, das klingt wie Orks, jene abscheulich-abgerichteten Kampfwesen aus Tolkiens „Der Herr der Ringe“. Meine Einstellung gegenüber Uruguay hat sich auch bei dieser Weltmeisterschaft nicht verändert, sie sind für mich vor allem die Mannschaft, deren wichtigster Spieler dadurch bekannt geworden ist, dass er anderen in die Schulter beißt. Nein, ich würde, um es in der abgewandelten Form eines Hits der Toten Hosen zu sagen, nie nach Montevideo fliegen.

Das klägliche Scheitern der „Mannschaft“ 

Ich weiß, das ist ein sehr dummer Blick auf die Welt. Die Bösen sitzen bei dieser Fußball-WM ohnehin eher auf der Ehrentribüne. Der Weltfußballverband Fifa arbeitet nicht nur mit skrupellosen Regimen zusammen, sie ist selber eines. Allerdings geht das Böse nicht mehr nur aus ignoranten, machtbesessenen Institutionen hervor, sondern äußerst sich längst massenhaft und individuell. Alles ganz ungeniert.

Für die kaum zu ertragenden Wutausbrüche im Netz marodierender Trolle bieten sich die Plattformen des Internets an, auf denen dann gegen TV-Kommentatorinnen gepöbelt werden darf und Morddrohungen gegen Spieler ausgesprochen werden, die kaum mehr getan haben als ein folgenreiches Foulspiel zu verantworten. Während das Böse, das ich in Horacio Troche zu erblicken meinte, nicht zuletzt eine geradezu kathartische Funktion hatte, ist das Böse, das sich aus dem Netz heraus über die Welt ergießt, scheinbar uferlos. Es lässt sich nichts daraus lernen.

Oder etwa doch? Nachdem sich alle Welt, aber besonders die deutsche Öffentlichkeit, Gedanken darüber macht, was das klägliche Scheitern der „Mannschaft“ mit der gesellschaftlichen und politischen Verfasstheit des Landes zu tun hat, ohne dabei zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen, bemerke ich an mir selbst erstaunliche Verwandlungen. Oder schaue ich nur genauer hin, gerade weil „wir“ nicht mehr dabei sind?

Hoffen auf die Superstars

Nicht ohne eine gewisse Rührung habe ich jedenfalls vernommen, wie sehr sich Edinson Cavani über den Erfolg seiner Mannschaft, der Urus, im Achtelfinale gegen Portugal gefreut hat. Für die verbleibende Tage der Weltmeisterschaft werde ich also bemüht sein, das Böse aus meinen Gedanken zu vertreiben und hoffe auf spielerische Unterstützung von Luka Modric, Neymar, Mbappe, James und Co.

Ein Jahr nach der WM 1966 kam Horacio Troche übrigens nach Deutschland. Er spielte für den Bonner SC und Alemannia Aachen. Bei Uwe Seeler hat er sich artig entschuldigt. Leute, die ihn kannten, sagen: Der Mann war ganz okay. 2014 ist er gestorben.

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