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Weltaltlas Schau nach im Putzger

Wer 1000 Jahre in der Geschichte zurückblättert, findet nicht unbedingt, was er erhofft. Aber auch ein 3. Reich.

Manchmal schlage ich meinen alten Putzger auf, den historischen Weltaltlas, den wir für die Schule kaufen mussten. Im Putzger ist die Geschichte der Welt in Landkarten zu verfolgen, Seite für Seite. Meine Ausgabe ist 1978 erschienen und beginnt auf Seite 1 mit der Altsteinzeit und der Ausbreitung der Faustkeilgruppen, um auf Seite 146 in der Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts und dem Kalten Krieg zu enden. Dazwischen wird die Welt mehr als einmal durchgeschüttelt, Länder und Reiche tauchen auf und ab, Völker ziehen hin und her, es geht zu wie im Inneren eines Thermomixers, nur sehr viel blutiger und schwerer zu verdauen.

Springt man tausend Jahre zurück – und ich wähle tausend Jahre, weil es ja so was wie eine deutsche Geschichtseinheit zu sein scheint, bei der wir froh sein müssen, wenn sie hinter uns und nicht vor uns liegt – springt man also diese 12 mal 83,33 Periode Jahre zurück, Vogelschiss für Vogelschiss, dann muss man erkennen, dass es Deutschland um 1018 gar nicht gab.

Das Land ist nicht zu finden auf der Landkarte. Da, wo es sein müsste, befindet sich ein Gebilde, das sich Sacrum Imperium Romanum nennt (Heiliges Römisches Reich auf deutsch, kurz HRR) und von Heinrich II. regiert wird, ein König aus Bayern.

Das HRR umfasste damals außer dem heutigen Deutschland, Österreich und der Schweiz auch noch Teile von Italien und von Frankreich, außerdem die Niederlande und hier etwas Belgien, dort einen Hauch Polen oder eine Prise Tschechien. Aufgeteilt war es in Herzogtümer und Königreiche, die inzwischen versunken sind. Die Amtssprache war Latein, wurde aber nur von einer kleinen Elite gesprochen, während der Rest des Reiches ein Kuddelmuddel aus Sprachen war, die sich mal mehr, mal weniger, oft auch gar nicht verstanden.

Als das Reich gegründet wurde (Karl der Große, um 800), hatte man Angst, man könne eine Katastrophe auslösen, weil der Prophet Daniel vorhergesagt hatte, nach Ende des 4. Reiches würde die Apokalypse ausbrechen. Nach damaligem Verständnis war das 3. Reich unter Alexander dem Großen lange vorbei und das gerade untergegangene Römische Imperium schon die Nummer 4, weshalb es aus Gründen der Apokalypsevermeidung einfach in die Zukunft verlängert wurde und den Zusatz „Heilig“ bekam, was die Sache noch sicherer machte. Seitdem ist der Weltuntergang verschoben auf den Tag, an dem er mittels Atombomben möglich sein würde, was heute theoretisch der Fall ist, aber seiner Realisierung noch harrt.

Im Gegensatz zu den handelsüblichen Staaten der Gegenwart war das Heilige Römische Reich auch keine Nation, sondern ein Verbund aus feudalen Einheiten, deren Herrscher den Kaisertitel untereinander auswürfelten in mal blutiger, mal unblutiger Fehde. Man wollte die Grenzen nach außen schützen und Frieden nach innen stiften.

Die Konstruktion ähnelt auch in ihrer Ausdehnung dem Kern der Europäischen Union und hielt tatsächlich über 1000 Jahre. Deutschland, als Nation und Staat, gibt es dagegen erst seit 1871, also seit gut 12 Vogelschissenheiten, und war in der ersten Hälfte ein unerfolgreiches, teils beschämendes Debakel, von der es sich in ihrer zweiten Hälfte dankenswerterweise erholen konnte. Jeder, der Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, etwas anderes sagen will, hat noch nie in den Putzger geschaut, eine 6 in Geschichte gehabt oder lebt geistig immer noch im Dritten Reich. Damals, als Alexander der Große das Sagen hatte.

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