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Weihnachten Poetische Momente

Weihnachten im Massenquartier, Advent mit Geflüchteten: So etwas kann zum unvergesslichen Erlebnis werden. Die Kolumne.

Das Weihnachtsfest im trauten Familienkreis zu verbringen, mag eine schöne Sache sein, löst aber schnell Fluchtreflexe aus. Vor allem, wenn es mit der Harmonie schon im Vorfeld hapert und die eigene Patchwork-Family – anders als beim Happy End in Hollywoodmärchen üblich – nach diversen Trennungen und neuen Lieben mit dem versöhnlichen Zusammenfinden unterm Christbaum überfordert scheint.

Kurzum, das war die Ausgangslage vor drei Jahren, an Heiligabend 2015, als wir, mein Freund, dessen Sohn und ich, nach dem Motto „Diesmal ohne uns“ das Weite suchten. Unser Ziel, die Sammelunterkunft für Flüchtlinge, in der eine Bekannte sich ehrenamtlich engagierte, lag tatsächlich jwd im tiefen Berliner Osten. Sozusagen im Abseits der noch frischen Willkommenskultur, bei der wir, damals auf Weihnachtsurlaub in Berlin, unbedingt mitmachen wollten.

Pfeffernüsse aus dem Supermarkt

Begeistert hatte mein Freund gleich mal seine Oud, die arabische Laute, eingepackt, und ich hatte noch schnell die letzten Pfeffernüsse aus dem Supermarkt geholt. Bei der Ankunft in der zum Massenquartier umfunktionierten Turnhalle verließ uns allerdings zunächst der Mut angesichts der düsteren, verschlossenen Blicke fremder Menschen. Wem ist an solch tristem Ort schon nach Musik?

„Fangt einfach an“, meinte ein Syrer und wies uns einen Platz in der Ecke zu. Es kostete Überwindung und ein paar Takte, dann kamen sie, erst die Kinder, dann die Kurden. Beim dritten Lied klatschten sie im Takt, beim vierten schleppten auch die syrischen Frauen Plastikschemel an und summten mit. Immer dichter wurden die Publikumstrauben um uns herum. Allenthalben leuchtende Augen, als ob ein Licht in den Gesichtern angeknipst worden sei.

Mein Freund spielte, was das Zeug hielt. Ich hockte, quasi zur stillen Verstärkung, an seiner Seite, ein Paket Datteln auf dem Schoß, unschlüssig, wie das angesichts der wachsenden Menge gerecht zu verteilen sei. Bis ein Mädchen ein auf der Flucht geschriebenes Gedicht auf Arabisch vortrug. Die wenigsten verstanden die Worte, nur den Klang. Klar, sie hatte eine süße Belohnung verdient, so wie alle anderen, die folgten, um etwas vorzuführen, Tanzschritte, Verse, Gesänge.

Es wurde ein wunderbarer, unvergesslicher Abend, um den uns am nächsten Tag, als wir davon erzählten, Freunde wie Verwandte, die daheim unterm Weihnachtsbaum gefeiert hatten, beneideten. Aber die Geschichte ist damit noch nicht zu Ende.

Diese Woche hatte ich so etwas wie einen Backlash, einen Moment, in dem alles wieder ganz präsent ist. Auslöser war ein schmaler Gedichtband, „Allein nach Europa“, herausgegeben von „The Poetry Project“ in vier Sprachen, mit Texten von acht jungen Flüchtlingen aus Afghanistan und dem Iran. Das Büchlein machte die Runde bei einem adventlichen Beisammensein in einem Charlottenburger Nachbarschaftsprojekt für Flüchtlingshilfe. Und was der servierte Punsch aus heißem Kirschsaft und Tee nicht unbedingt vermochte, bewirkte dieses Heft: Es taute die Stimmung auf.

Paarweise steckten wir unsere Köpfe in die Seiten. Younis, ein Iraner, las die Zeilen links auf Persisch, ich die Übersetzung rechts auf Deutsch. Sie handelten von Heimweh und Sehnsucht, von Liebe und Todesangst. „Hier, das ist besonders gut“, machten wir uns gegenseitig auf Stellen aufmerksam, die uns besonders gefielen. Ein geradezu poetischer Moment, in dem aufblitzte, dass Integration etwas Bereicherndes ist – für beide Seiten.

Inge Günther ist Autorin.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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