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Weihnachten Geburtstag eines Romanhelden

Kitsch, Unvernunft und Freigiebigkeit: Immer wenn es auf Weihnachten zugeht, wird es den Menschen warm ums Herz. Und was passiert am Tag danach? Die Kolumne.

Weihnachten
Die Krippe ist ein erfolgreiches Merchandisingprodukt. Foto: epd

Eigentlich kann das ja nur gut sein, wenn Menschen Hass und Feindschaft vergessen und sich abwenden von der Ich-Versessenheit und hin zum Miteinander. So sah ich unlängst einen Film über ein denkwürdiges Ereignis im Ersten Weltkrieg, als zu Weihnachten deutsche, französische und britischen Soldaten ihre Waffen niederlegten und zusammen den Heiligen Abend feierten. Sie verließen ihre Schützengräben und soffen im Niemandsland gemeinsam den Schampus der Franzosen. Ich war gerührt von dem Vorfall an sich und fasziniert, dass man in unserem geschätzten Nachbarland dank des offensichtlich angeborenen Savoir-vivre Champagner sogar bis an die vordersten Schützengräben karrte. Würde ich Frankreich nicht schon lieben, ich täte es nun.

Das alles soll sich tatsächlich so ereignet haben, was mich einmal mehr verwundert, wie leicht der Mensch zu manipulieren ist. Brechen wir es mal runter aufs Wesentliche. Vor gut 2000 Jahren bildeten einige übermäßig begabte Autoren einen Creative Pool, machten ein Brainstorming und schrieben schließlich ein Buch über einen Jüngling, der in einem Kuhstall geboren wird und dann so allerlei Spannendes erlebt. Das Ganze ist dramaturgisch geschickt angelegt, endet vermeintlich fürchterlich, findet dann aber doch zu einem Happy End, wenn auch zu einem krude gestrickten.

Egal, das Werk wurde zum Bestseller. Es bot Stoff für mehrfache Verfilmungen und weist noch heute beachtliche Verkaufszahlen auf. Zudem erzielen Merchandising-Produkte wie Krippen, Kreuze und Schweifsterne seit Jahrhunderten gigantische Umsätze.

Tränentreibende Livespektakel vor Weihnachten

Einen weiteren Nebeneffekt konnten die jungen Kreativen aber gewiss nicht geahnt haben. Immer wenn es auf den Geburtstag des Romanhelden zugeht, wird es den Menschen warm ums Herz. Sie beginnen dann urplötzlich das Romantisieren und neigen zu Kitsch, Unvernunft und Freigiebigkeit.

Also klingeln um diese Zeit nicht nur die Beutel der Kirchen süßer, auch die Konten der Hilfsorganisationen füllen sich. So strahlte das ZDF vergangenen Samstag zum 40. Mal eine der schmalztriefendsten Sendungen aus, die es zu bieten hat – und das will etwas bedeuten.

„Ein Herz für Kinder“ heißt das von der „Bild“-Zeitung initiierte, tränentreibende Livespektakel, moderiert von den von allen schmerzfrei geliebten Barbara Schöneberger und Johannes B. Kerner und bestückt mit haufenweise „Promis“ wie den „Lochis“, aber auch einem Udo Lindenberg, den das fortschreitende Alter nun offensichtlich doch zu Ausflügen ins Oberspießertum drängt.

Dreieinhalb Millionen Menschen sahen schluchzend zu, verfolgten herzerweichende Einspielfilmchen mit leidenden Kindern und spendeten daraufhin mehr als 18 Millionen Euro.

Doch das ist nur die Spitze der Mildtätigkeit. Die Welle der Menschlichkeiten dringt hinab bis tief in die Niederungen. Nachbarn backen Plätzchen für Nachbarn, Politiker servieren Obdachlosen Gänse, Gerichtsvollzieher wahren den „Weihnachtsfrieden“, Anzeigenblättchen und Lokalsender überbieten sich mit Spendenaktionen, Betriebe und Behörden sammeln für die Ärmsten, Kinder schlachten ihre Sparschweine. Es wird also grenzenlos geliebt im Land.

Die Frage stellt sich nur: Warum fangen nach dem Fest alle wieder an, aufeinander zu schießen?

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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