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Weihnachten Die Werbemittel der Kirche

Vor Weihnachten haut die Werbewirtschaft drauf, als gäbe es kein morgen. Die Kirche könnte davon lernen. Oder tut sie es nicht bereits? Die Kolumne.

Kirche
Der Kirche laufen die Gläubigen weg - was ist die richtige Gegenwehr? Foto: dpa

Eigentlich ist ja Werbung etwas Wertvolles. Wer etwas anzubieten hat, teilt anderen das mit, ferner, von welcher Güte das zu Veräußernde ist und um welchen Preis zu erwerben. Soll das sich dann anbahnende Geschäft redlich sein, setzt das natürlich eine wahrheitsgetreue Schilderung dieser Komponenten voraus. Und da beginnt traditionell das Problem der Werbung. Denn vermutlich konnten schon die ersten Verkäufer der Menschheitsgeschichte nur schwerlich der Versuchung widerstehen, ihre Produkte in ein schöneres Licht zu stellen, als es tatsächlich der Wahrheit entsprach.

Spätestens mit Beginn der Industrialisierung und der damit verbundenen Verschärfung der Konkurrenzsituation kam es zu einem für den Kapitalismus typischen Symptom, dem Auswuchs des Anpreisens. Was früher noch „Reklame“ hieß, wurde zu „Werbung“, womit auch der Grad der Aufdringlichkeit stieg – und der Gehalt an Wahrheit sank.

Werbung lebt von der Übertreibung

Mit einer sachlichen Information des Kunden hatte die Marktschreierei immer weniger zu tun. Das merkten die Menschen zwar, dennoch vermochten nur wenige den Verlockungen der Wirtschaft zu widerstehen, und sei es nur im Unterbewusstsein.

Ich möchte nicht wissen, wie viele in den Siebzigern automatisch eine Esso-Tankstelle ansteuerten, obwohl sich wohl kaum jemand einen Tiger im Tank wünschte. Das war nicht nur Unsinn, sondern auch sachlich doof. Ein Tiger ist schließlich ein Kurzstreckler, der seine Beute auf den ersten Metern schlagen muss. Doch was hat der Autofahrer davon, wenn er nach dem Tanken unglaublich spurtstark ist – aber nur bis zur nächsten Ecke kommt? Da wäre doch ein ausdauerndes Huftier ein viel besseres Symbol gewesen. Aber wer hätte schon den Slogan „Pack das Gnu in den Tank“ besonders sexy gefunden?

Werbung lebt also von der Übertreibung, sonst nimmt sie niemand ernst. Und zugestanden: Gerade die Vorweihnachtszeit wäre doch todlangweilig, würden wir überall nur mit trockener Kundeninformation im Stile von „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ zugeballert?

Beste Produkt ist die unbefleckte Empfängnis

Das wäre ja noch weniger auszuhalten als das, was jetzt geschieht. Das weiß die Werbewirtschaft und haut nun drauf, als gäbe es kein morgen. Und das schafft natürlich Begehrlichkeit bei anderen Anbietern, besonders bei jenen, die zu Recht um ihr Kerngeschäft fürchten, den christlichen Kirchen.

Die haben zwar in der unbefleckten Niederkunft Mariä das konkurrenzlos beste Produkt der aktuellen Saison im Portfolio, doch außer dicken Glocken keine schlagenden Werbemittel – und außerdem sinkende Quoten.

Was also tun? Richtig. Identifikationsfiguren müssen her. Was Baumärkte können, können doch Kirchen schon lange. So kommt es, dass dieser Tage der Überphilantrop Harald Glööckler in einer Frankfurter Kirche das Wort Gottes reklamiert. Der Anfang ist also gemacht. Wie weiter?

Wie wäre es mit einer Feier des Heiligen Abendmahls mit Rainer Calmund? Oder einer Reihe namens „Der heiße Beichtstuhl – heute mit Verona Pooth?“ Sie sehen, da ist noch Luft nach oben. Denn immer, wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt ein neues Format daher. Deswegen der neueste Clou des Topteams Kirchen und Privatfernsehen: eine Nacktmesse in der Südsee. Motto: „Beten wie Gott uns schuf.“

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