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Wehrpflicht Schön spießig

Wehrpflicht? Geh fort! Andererseits: Die Zeit im Zivildienst war eine wichtige Lektion in Realität. Die Kolumne.

Rettung Notruf 144
Als Rettungssanitäter erhält man wenigstens Respekt. Foto: Imago

Eigentlich – und das ist ja wohl nichts Neues – ist der Mensch ein zwiegespaltenes Wesen. Nehmen wir nur mal mich. Als Jüngling verweigerte ich den Wehrdienst, weil ich erstens nicht töten lernen wollte und mich zweitens nicht in einen jener albernen Kampfkittel zwängen und zwingen lassen wollte, in denen alle gleich aussehen.

Eine Uniform tragen, das bedeutete für mich, uniform zu sein, also einer gleichförmigen Horde anzugehören, in der alle das Gleiche tun und denken und schwarmgleich einem Hampelmann folgen, der da vorne steht und irgendeinen Befehl brüllt.

Gleichzeitig schlappte ich mit Parka, Jeans und ausgeleiertem T-Shirt durch die Gegend, so wie alle anderen in der „Scene“, wie wir unsere Horde nannten. Wir waren gegen Atomkraft und für Abrüstung, schrieben auf Umweltschutzpapier, rochen nach Patschuli, rauchten Gras und holländischen Halfzware-Tabak, kopulierten je nach Gusto kreuz und quer umher, aßen kamelkotgleiche Sojabrocken und tranken abends sauren Biowein aus Okzitanien, nach dem Aufwachen Soli-Kaffee aus Nicaragua und tagsüber aromatisierten Schwarztee, den wir auf tönernen Stövchen warmhielten. Alle taten das, doch alle fühlten sich individuell und aufmüpfend gegen das, was die anderen alle taten, die Angepassten, die Spießer, die Lehrer, die Eltern.

Nur wenige Monate später schlüpfte ich widerstandslos in eine richtige Unform. Weiße Hose, weiße Kutte, orangefarbene Jacke – und nicht nur das. Ich genoss sogar das Ansehen, mit dem man damals noch einem Rettungssanitäter begegnete. Die Spießer grüßten plötzlich freundlich, und in der Metzgerei wurde ich an der Warteschlange vorbeigewunken und bekam meine zwei Leberkäsebrötchen oftmals noch geschenkt.

Ich führte ein spannendes Doppelleben. In der Freizeit ging ich weiterhin oben beschriebenen Gepflogenheiten nach, galt als Gammler, Drückeberger und Kommunist, den man gerne mal „nach drüben“ wünschte. Mit dem Wechsel der Kleidung hingegen wurde ich zum angesehenen Mitglied der Gesellschaft. Ich konnte mir sogar erlauben, im Dienst einen Ohrring zu tragen, was eigentlich ein untrügliches Erkennungsmerkmal für einen faulpelzigen Tunichtgut war.

Ich muss also gestehen: Die Zeit im Zivildienst hat mir gewiss nicht geschadet, ganz im Gegenteil und trotz Uniform. Zwar wusste ich schon damals, welchen Beruf ich einmal ergreifen würde, die Weichen waren schon gestellt. Dennoch bedeuteten die sechzehn Monate auf dem Rettungswagen eine Phase der Orientierung und – viel wichtiger – der Selbstbestätigung. Ich war plötzlich wer, ich verrichtete Gutes. Ich fuhr liebe Omis zum Doktor, ich half bei Geburten, und ich zog zerfetzte Menschen aus Autowracks. Hin und wieder rettete ich sogar Leben. Kann das so falsch gewesen sein? Mir jedenfalls tat die Lektion Realität mehr als gut.

Und nun wird es wieder zwiespältig. Ist es falsch zu sagen: Führt einen verbindlichen Dienst an der Gesellschaft ein? Zwölf Monate zwischen Schule und Job soziale Arbeit für alle? Gewiss, eigentlich wäre die Politik gefordert, den Pflegenotstand zu beheben. Aber ist es wirklich so fürchterlich spießig, von jungen Menschen zu erwarten, eine Zeitlang am richtigen Leben zu riechen, bevor sie sich Beruf und Karriere widmen?

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