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Wahlkampf Von den unterdigitalisierten Deutschen

Wenn man Politikern beim Thema Digitalisierung zuhört, fragt man sich bang: Wie schaffen die Abgehängten das? Wie verabreden sie sich ohne Internet? Die Kolumne.

Internetzugang
Die Deutschen jammern häufig, dass es nicht überall störungsfreies Internet gibt. Foto: David Pereiras (imago stock&people)

Eigentlich halte ich mich ja aus dem Wahlkampf heraus. Wäre ja auch unfair. Da führen die Parteien und ihre Soldaten so einen prächtigen Wahlkampf, da informieren sie ihre potenziellen Wähler kenntnisreich und umfassend bis ins Detail, da scheuen sie weder Kosten noch Aufwand, ihre Kandidatinnen und Kandidaten auf den Plakaten im besten Licht erscheinen zu lassen, kurzum, da leisten sie schier Übermenschliches zur Unterhaltung und Pflege unserer Demokratie – da kann doch ich nicht daherkommen und in einem Handstreich das alles aufs Spiel setzen, nur weil ich meine unqualifizierten und durch nichts zu erhärtenden Einschätzungen unters Volk bringe.

Wahlkampf und die Pflege der Demokratie

Dennoch sei mir eine kleine Bemerkung erlaubt. Sie erscheint mir auch nicht als unzulässiger Eingriff in die politische Meinungsbildung, betrifft sie doch ein Thema, dem sich, soweit ich weiß, alle für die Zusammensetzung des nächsten Bundestags in Frage kommenden Parteien verschrieben haben. Die Rede ist von der Digitalisierung.

In selten zu beobachtender Allianz sind nämlich alle politischen Kräfte der Meinung, diese sei in diesem unserem Lande von himmelschreiender Unsäglichkeit. Der CSU-Slogan „Laptop und Lederhose“ breitete sich aus wie einst das Hefeweizen und später die Oktoberfest-Tümelei kreuz und quer übers Land bis hinauf an die Waterkant und hinüber ins Land der Sorben.

Die Folge: Bis auf wenige Bewohner der angesagtesten Großstadtviertel fühlen sich die Deutschen angeblich gnadenlos unterdigitalisiert, von einem einigermaßen menschenwürdigen Dasein können sie nicht einmal träumen.

Fußbodenheizung, Nagelstudios und Rucola statt Internet

Verschlimmert wird dieses Gefühl von immer wieder veröffentlichten Statistiken, nach denen selbst Bewohner vorsintflutlicher afrikanischer Hinterwäldlerstaaten mit Dutzenden Megabit pro Sekunde durch die neue Scheinwelt surfen, während viele Menschen bei uns sich zwar zivilisatorischer Segnungen wie Fußbodenheizung, Nagelstudios und Rucola erfreuen können, wenn sie miteinander in Kontakt treten wollen, aber fast noch auf Blasmuscheln und Alphörner angewiesen sind. Oh Armut auf dem Lande!

Hört man das Getrommel der Parteien, stellt man sich als bestens vernetzter Urbanling die bange Frage: Wie machen das die armen Menschen da draußen? Wie finden sie Freunde ohne Facebook? Wie verabreden sie sich ohne Doodle? Lesen die etwa noch Zeitung? Wie schieben sie ihre Kinderwagen, ohne dabei aufs Smartphone zu glotzen?

Wahl-o-mat um Rat fragen

Wie kommen sie ohne Amazon an neue Socken? Wie zahlen sie an der Ladenkasse, haben die etwa noch Bargeld? Wie kochen sie ohne Schmor-App? Wie pflanzen sie sich fort ohne Anleitung aus dem Netz? Tragen sie alle Gummistiefel, weil sie nicht an Zalando rankommen?

Hören sie verkratzte Platten und ausgenudelte Kassetten, weil sie nicht streamen können? Wie finden sie ohne Navi ins Nachbardorf? Droht da etwa der Inzest? Und wer bringt ihnen das Essen, wenn sie Lieferando nicht erreichen können? Sind sie ohne Wetter-App auf Bauernregeln angewiesen?

Und wenn sie mit der Bahn fahren wollen, müssen sie etwa auf gedruckte Plakate starren, die an den Bahnhöfen angeschlagen sind? Und vor allem: Was machen die armen Abgenabelten am kommenden Sonntag an der Wahlurne, wenn sie vorher nicht den Wahl-o-mat um Rat fragen konnten?

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