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Wahlen Wohin mit dem Kreuz?

Die Wahlsaison bricht an. doch die Deutschen sehen den Wahlakt oft als Bürde. Anderswo lassen sich Menschen erschießen, um eine Stimme zu haben. Die Kolumne.

Soll unser Autor die Grünen wählen, obwohl er sie so aufregend findet wie seinen Toaster? Foto: dpa

Hie und da wird jetzt gewählt. In einem Jahr sind wir alle dran: Bundestagswahl. Mir graut schon. Wir deutschen Luxuswesen sehen den Wahlakt ja oft als Bürde. Oder kühlen unser Mütchen. Anderswo lassen sie sich erschießen dafür, endlich mal eine Stimme zu haben. Zum Beispiel letzte Woche in Gabun.

Mein Dauer-Dilemma: Grün wählen oder welches Rot? Ich gebe zu: ein Luxusproblem – für jene, die keine Wahl haben oder nur die zwischen Clinton und Trump – oder gar im wieder halb durchbräunten Österreich leben. Meine Heimat ist weder Wien noch Washington noch Libreville. Muss mich ins deutsche Schema fügen. Ein echter Sozi werde ich wohl nie. Ein Kreuz bei der Linken fällt mir notorisch schwer. Aber grün? Da war doch mal was?

Eben fand ich beim großen Wegschmeißen einen vergilbten Zeitungsartikel – und entschwebte auf einer Wolke süßlicher Nostalgie. Ein Machwerk vom März 1984, verfasst zu Bonn, damals Hauptstadt der BRD. Ein Jahr zuvor hatten Grüne, 28 an der Zahl, dort erstmals den Bundestag belebt, mit Blümchen und breitem Lachen. Ich kannte jede und jeden mit Vor- und Nachnamen, von Bard bis Vollmer.

Utopie versus Machbarkeit

Manchmal war es schwer, den Überblick zu wahren. Die Debatten waren kompliziert und wurden flott persönlich. Die Fraktionssitzungen (öffentlich, logo) endeten nie. Dauernd trieb ich mich auf Parteitagen und in Geschäftsstellen herum, hockte nachts in Kneipen, wo sie die Begrünung der Welt planten – oder den eigenen Weg zur Macht. Wenn ich des Abends mal froh auf meinem Bonner Redaktionsbalkon ruhte, lief ich Gefahr, dass ein autoritärer Metzgersohn namens Fischer aus dem Bundestag trat und brüllte: „Schimmeck! Runterkommen, diskutieren!“

Warum erzählt er uns olle Geschichten?, fragen Sie. Weil es ein Neubeginn war, eine tolle Zeit: lustig, geistreich, oft chaotisch, immer spannend. Weil ich Sehnsucht habe nach dieser Zuversicht auf Veränderung.

Der alte Text trägt die Überschrift: „Auf dem Weg zu Macht und Mittelstand“ (ich = ein Prophet.) Er führt durch all die grünen Seilschaften, beschreibt ihren Streit über die ewige Frage: Wie viele Ideale tauschen wir gegen wie viel Macht? Wer nichts preisgeben wollte, galt als „Fundi“, die Machtstreber hießen „Realos“. Ihr Argument bis heute: „Wenn wir nicht mitmachen, können wir nichts verändern.“ Worauf Fundis antworten: „Aber die Verhältnisse werden uns stärker formen als wir sie.“ Was übrigens auf eine gewisse Ehrfurcht vor dem Status Quo schließen lässt.

In dem Text taucht Otto Schily auf, damals grün, später Sheriff. Er wettert über „grüne Ordensleute“, die um ihre Unschuld fürchteten. Auch ein Ex-Linksradikaler namens Schmid, der nun, typisch Frankfurt, die „Lust am Zwielicht“ verkündet und forderte: Bürgerliche Kultur, nationale Identität, Familie! Später wurde er Chef der „Welt“. Das hatte ich vergessen. Von wegen Aufbruch. Es gab wohl immer diesen Streit Utopie versus Machbarkeit. Davon brauchen wir mehr. Utopien genießen derzeit zu wenig Ansehen. Stattdessen wird viel ge„talkt“, damit nichts passiert.

Ja, heute finde ich die Grünen etwa so aufregend wie meinen Toaster. Aber ich gehe wählen, immer. Trotz meiner versnobten Politproblemchen. Werde schon einen Platz finden für mein Kreuz. Das Hilfsargument könnte lauten: Gabun geht gar nicht.

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