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Vorurteile „Wir spielen hier kein Nazi-Quartett“

Das Wahlergebnis in Österreich lässt sich ertragen - mühsam. Aber es geht um mehr. Es geht um das vereinte Europa. Unsere Kolumne.

Kurz
Wenn ÖVP-Chefchen Sebastian Kurz kurz nach der Wahl betont, „pro-europäisch“ zu sein, ist das nichts weiter als Schmäh. Foto: afp

Eigentlich ist es ja nicht meine Art, Menschen pauschal zu beurteilen. Ganz im Gegenteil. Ich rege mich immer auf, wenn einer zum Beispiel sagt „Ich mag die Schweizer nicht.“ Nach den Gründen gefragt, kommt dann stets nur ein unqualifiziertes Gestammel und ein Aufzählen von Erfahrungen, die zur Verallgemeinerung natürlich nicht taugen – aber dennoch eine emotionale Aversion erzeugen.

Ich kann das tendenziell sogar nachvollziehen. Man macht halt seine Beobachtungen. So habe ich noch nie einen Schwaben erlebt, der nach geselligem Gezeche in illustrer Runde nicht sofort „Nein!“ geschrien hätte, als die Bedienung fragte, ob man „zusammen“ bezahlen möchte. Er besteht immer auf sorgsamstem Aufdröseln der Rechnung, selbst auf die Gefahr hin, am Ende mehr geben zu müssen, als wenn alle ihren gefühlten Obolus auf den Tisch werfen.

Geübte Knickrige setzen ja zuerst eine kleine Summe ein und warten ab, was passiert. Der Schwabe hingegen geriert sich nicht vordergründig sparsam, sondern besteht beflissen auf Korrektheit. Ordnung ist ihm mehr als das halbe Leben, man denke nur an die Kehrwoche. Kein Wunder, dass sie sich im preußischen Berlin so wohlfühlen.

Mir ist dieser Wesenszug nicht sympathisch. Aber soll ich deswegen alle Schwaben abstempeln? Ich kämpfe seit Jahrzehnten dagegen an – zugegeben mit mäßigem Erfolg. Aber das ist natürlich alles nicht sonderlich ernst zu nehmen, im Grunde nichts weiter als Frotzelei über die Wesenszüge anderer Bundesbürger.

Weitere Beobachtungen auf diesem Gebiet halte ich hingegen für besorgniserregend. So höre ich nicht selten den Satz „Ich mag die Österreicher nicht, das sind alles Faschisten.“ Ein Satz, der gerade nach der jüngsten Parlamentswahl dort nicht einer gewissen Berechtigung entbehrt.

Zwar können auch wir Deutschen uns nicht über Nazimangel beschweren, doch weist unsere Nachbarrepublik immerhin einen prozentual doppelten Anteil an solch schäbigen Gesinnungsgenossen auf. Doch wir spielen hier kein Nazi-Quartett, dafür ist die Lage zu ernst. Wer das Land in jüngster Zeit einmal bereist hat, muss schon einen gehörigen Anteil an Sachertortenromantik verinnerlicht haben, um die Zeichen einer fürchterlichen Entwicklung nicht zu erkennen. Offener Fremdenhass allenthalben.

Das müsste uns Deutsche nicht sonderlich kümmern, schließlich waren wir „Piefkes“ dort nach 1945 nie sonderlich beliebt und kennen alle den Satz „Der Wiener ist freundlich, doch er meint es nicht so.“ Aber so lange kein neuerlicher Anschluss zu befürchten ist, können wir gut damit leben und es als ähnliche Frotzelbeziehung abtun wie die zu den Schwaben.

Doch es droht Schlimmeres. Auf dem Spiel steht nämlich das vereinte Europa. Wenn ÖVP-Chefchen Sebastian Kurz kurz nach der Wahl betont, „pro-europäisch“ zu sein, ist das nichts weiter als Schmäh. Der Mann spricht sonst anders, und er handelt auch so. Er hat also Kreide gefressen.

Umso wichtiger ist es, in Berlin den Hasspredigten der CSU zu widerstehen, eine vernünftige Politik zu machen und zusammen mit Hoffnungsträgern wie beispielsweise Emmanuel Macron ein gesamteuropäisches Bündnis der Humanität zu bilden. Gegen die Übelmächte aus Österreich, Polen, Ungarn und anderswo. Möge die Übung gelingen.

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