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User-Kommentare "Plunder an Extase"

Schon Karl Kraus wollte von Eiferern, die sich via Leserbrief meldeten, am Ende eher nicht gelesen werden. Die Kolumne.

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Was beabsichtigen viele User mit ihren Kommentaren? Foto: imago

Sagt mal, ihr Journalisten: Schämt ihr euch eigentlich so für gar nichts? Ihr seid die Handlanger einer abzockenden Politikerbande! Euer Schmierblatt sollte keiner mehr kaufen!", erboste sich jüngst eine Leserin unter einer Kolumne, die ihr offensichtlich in Form und Inhalt nicht zugesagt hat. Dass das "Schmierblatt" keiner mehr kaufen soll, ist als Handlungsaufforderung an die Mitkommentierenden zu deuten, die Redakteurin hingegen kann sich entweder schämen oder aber in einen Diskurs einsteigen über das Schmierblatt im Allgemeinen und ihre Handlangerexistenz im Speziellen.

Letzteres wäre wohl im Sinne von Stephan Goldmann, der auf dem Blog "Lousy Pennies" Journalisten dazu auffordert, gegenüber Kommentatoren und Kommentatorinnen Stellung zu beziehen: "Verdrängung und Negieren ist keine Lösung. Es wird einfach Zeit, seine Inhalte auch zu verteidigen - gegen haltlose Angriffe der Propagandisten", so Goldmann, der vorschlägt, sich nach Veröffentlichung eines Textes "den Rest des Tages" mit gar nichts anderem mehr als den Usern zu beschäftigen. Das ist eine charmante Idee, wenn auch "blauäugig", wie der Autor selbst einräumt. Und zwar deshalb, weil viele an einem Diskurs überhaupt nicht interessiert sind, sondern am Verbreiten von Propaganda, die als Kontrastprogramm zu den redaktionellen Inhalten der Seite die Meinungshoheit für sich beansprucht. Da wird es nicht viel nutzen, die Distanz zur "abzockenden Politikerbande" zu kommunizieren, wenn Kommunikation gar nicht angestrebt ist.

"Definitiv der schlechteste und dümmste Artikel, den ich seit Langem gelesen habe. Bei der Qualität des Journalismus ist es kein Wunder, dass die FR Insolvenz anmelden musste", schrieb ein anderer Leser, der seine Kritik auch nicht in differenzierende Watte packte, dafür aber die Frage aufwirft, was er eigentlich auf fr-online will, wenn der Laden sowieso in die Tonne gekloppt gehört. Es gibt so viele Webseiten, das Internet ist voll davon: rechte, linke, radikale, irre - da dürfte sicher etwas dabei sein. Er kann auch, wie ein weiterer Unzufriedener des "armseligen, heuchlerischen Drecksladen(s), ... (das) FR-Abo" kündigen, welches wohl beide nie besessen haben.

Karl Kraus, Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift "Die Fackel" (1912-1936), drehte seinerzeit den Spieß um und hatte den Schreibern von unfreundlichen Leserbriefen ("dieser zentnerschwere Plunder an Ekstasen", 1920) mit dem Entziehen des Abonnements gedroht. War er 1899 noch am regen Austausch mit seinen Lesern interessiert gewesen, wollte er selbigen nach mehreren Hundert Schmäh- und Drohbriefen kein anderes Recht mehr einräumen, "als eine Zeitschrift, die (ihnen) missfällt, nicht zu lesen". Er wolle lieber "überhaupt nicht gelesen sein, als von Leuten", die ihn für "ihre Rückständigkeit verantwortlich machen" (1908).

In Kraus ist schließlich nach 37 Jahren die Erkenntnis gereift, dass "Zusendungen welcher Art immer, ... unerwünscht" seien. An dieser Stelle wird bislang lediglich auf das oben genannte Recht verwiesen, einfach die Internetseite zu wechseln. Das betrifft all jene, die sich selbst als die Hüter einer Wahrheit begreifen, die die Homepage dieser Zeitung vermutlich nie erreichen wird.

Katja Thorwarth ist Autorin und Redakteurin der digitalen Redaktion der FR.

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