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USA Der ignorierte Terror von rechts

In den USA war die Gewalt von rechts lange Zeit kein Thema, obwohl es sie immer gab. Das änder sich jetzt - hoffentlich auch in Deutschland. Die Kolumne.

The facade of the Tree of Life synagogue where a mass shooting occurred last Saturday in Pittsburgh
In der „Tree of Life“-Synagoge fand Ende Oktober ein Terroranschlag statt. Elf Menschen starben. Foto: rtr

Wenige Wochen nach dem 11. September 2001 flog ich nach New York. Meine Freunde dort hatten mir gesagt, dass die Stadt verwundet sei und die Menschen zutiefst getroffen. Dort, wo die Türme standen, qualmte es noch, und es roch nach Verderben. Sie sagten, dass die New Yorker allein seien, Touristen und Geschäftsleute blieben fort. Also besuchte ich Freunde und Familie. Die Stadt war tatsächlich eine andere geworden, so wie die Welt fortan eine andere sein würde.

Zu einem normalen Freitagsgottesdienst besuchte ich eine Synagoge in Downtown Manhattan, nicht weit entfernt von dem gewaltigen Loch, das die Flugzeuge gerissen hatten. Die Rabbinerin machte Witze über die Sangeskünste des Kantors, sie sprach über den Wochenabschnitt in der Thora. Sie bemühte sich, ihre Gemeinde aufzumuntern. Mehr als 20 ihrer Mitglieder waren bei dem Anschlag umgekommen.

Zum Ende des Gottesdienstes fragte sie, wer diese Woche den Nachbarschaftsdienst machen werde. Die Gemeinde hatte sich aufgeteilt, um jene zu schützen, die nach dem Anschlag beschimpft und attackiert werden könnten. Eine Moschee in der Nähe und muslimische Familien. Ganz einfach.

Täter war Antisemit und Rassist

Nach dem Mordanschlag von Pittsburgh war es andersrum. Die muslimische Gemeinde dort fing sofort an, die jüdischen Nachbarn aufzusuchen, Trost zu spenden und Geld für die Hinterbliebenen zu sammeln. Der Täter von Pittsburgh war ein weißer Antisemit und Rassist. Diese nachbarschaftliche Solidarität ist um so vieles wichtiger als kühle Statements, die zwar die Opfer beklagen, den Rechtsextremismus jedoch weiter kleinreden.

In den USA beginnt gerade eine Diskussion darüber, ob man vielleicht über die ganze Terrorabwehr nach dem 11. September den hausgemachten Terror aus rechtsextremen Kreisen übersehen und unterschätzt habe. Seit Donald Trumps täglicher Hetze und einer Politik, die auf Hass und Häme setzt, zeigt sich die Gewalt offener, aggressiver. Doch es gab sie auch schon vorher. Sie wurde jedoch nicht als Terror verstanden, denn sie traf eher die Unsichtbaren.

Angriffe auf Schwarze und deren Kirchen galten nicht als Terror und gelangten selten in die Schlagzeilen. Auch Amoktaten, die offensichtlich einen rassistischen Hintergrund hatten, wurden als solche ignoriert. Über Infrastrukturen von Milizen und Organisationen, für die das Adjektiv „rechtsextrem“ fast zu harmlos klingt, weiß die Öffentlichkeit wenig. Mit Pittsburgh ist nun endgültig klargeworden, dass Rechtsextremismus keine Folklore von irgendwelchen Spinnern ist, sondern ebenso relevant wie islamistischer Terror.

Rechtsextremer Terror heißt die große Gefahr. In den USA nach den ungezählten Toten von rassistischen Anschlägen und in Deutschland nach den 194 Opfern rechtsextremer und rassistischer Gewalt allein seit 1990.

Ich finde, dass gute, hilfsbereite Nachbarschaft und Solidarität auch der Minderheiten untereinander das wichtigste Gegengift gegen den Hass sind. Davon würde ich mir auch mehr in Deutschland wünschen.

Dennoch: Auch für die Sicherheitskräfte wird es Zeit, dass rassistische und antisemitische Terrorgefahr endlich ernst genommen wird. Nach dem 27. Oktober in Pittsburgh riecht es nicht nach Rauch wie am Ground Zero, wohl aber nach Verderben. Denn die Welt ist eine andere geworden.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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