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#Unteilbar „Sahra allein zu Hause“

Für einige ist die Unteilbar-Demo positiver Stress, für andere negativer. Sie bangen um ihr Auto. Anspannung kann also gut oder schlecht sein. Die Kolumne.

Kundgebung gegen Rassismus in Berlin
#Unteilbar - eine Demonstration ist zugleich positiver und negativer Stress. Foto: dpa

Vor ein paar Tagen habe ich gelesen, Stress würde gesund machen. Sofort bin ich zum Spiegel gelaufen, um mir ins Gesicht zu blicken. Was ich sah, hat mir nicht gefallen. Eingefallene Wangen, umherirrende Augen, ungewaschene Haare, die zu Berge stehen. Ja, ich hatte Stress. Nein, es war nicht gesund.

Wenn man lange genug lebt, dreht sich die Welt mindestens einmal im Kreis. Heute fördert Stress das Befinden, morgen führt es zum Herzinfarkt. Früher war Fett ungesund, jetzt ist Fett ganz in Ordnung. Der richtige Cholesterinspiegel liegt mal da und mal dort, aber nie richtig. Eigentlich macht man immer alles falsch, selbst wenn man es richtig macht, vor allem in der Politik.

CSU und die Flüchtlinge

Vor drei Jahren war ich in Bayern, in der Nähe von Passau. Damals kamen jeden Tag hunderte Flüchtlinge über eine Brücke von Österreich. Eine Frau hatte Hilfe organisiert, weil sie dachte, man könne die Menschen ja nicht sich selbst überlassen. Neben ihr sprang der Bürgermeister von der CSU wie Rumpelstilzchen herum und rief: Es sind zu viele, während sie ein Brötchen nach dem anderen schmierte und die Nachbarn Decken brachten. Die einen haben schlechten Stress, die anderen haben guten Stress.

Am Samstag stand ich am Alexanderplatz und sah der Unteilbar-Demonstration zu. Ein älteres Paar stand neben mir und hatte Angst um ihren Wagen, den sie auf der anderen Straßenseite geparkt hatten. Sie sahen ihn schon in Flammen aufgehen. Ich sagte, sie bräuchten sich nicht sorgen, die Situation sei nicht revolutionär, alles nette Menschen hier, was mir der Mann aber nicht glaubte. Der Stress hatte ihn gepackt, vielleicht auch die AfD, wer weiß das schon.

Am Sonntag hat mir der Söder ein bisschen leid getan. Als es mehr wurde, fiel mir die Sache mit dem Kreuz ein und die Sache mit dem Asyltourismus. Ich hatte mich schon vorher gefragt, was die zupackende Frau an der Brücke wohl gedacht hat, als ihr eigener Ministerpräsidenten sie von einer Helferin zu einer Schlepperin machte. Als es 18 Uhr wurde und die Wahlergebnisse kamen, war die Frage geklärt und Rumpelstilzchen hatte keine Mehrheit mehr. Nun hat Söder Stress.

Ein Bild von Sahra Wagenknecht

Mein Vater berichtete mir einmal von seiner Zeit im Krieg. Er musste bei den Jungnazis antreten. Das Schlimmste, sagte er, sei gewesen, dass sie ihre Eltern und ihre Lehrer hätten anschwärzen sollen. Allein die Drohung habe schon gestresst. Nun könnte man mit Hoffmann von Fallersleben sagen, dass das größte Schwein im ganzen Land der Denunziant sei, aber Fallersleben ist auch so ein Wechselfall des Lebens: auf der einen Seite ein Kämpfer für die Freiheit, auf der anderen ein Antisemit der ersten Stunde. Sagen wir also: Noch größere Schweine sind die Anstifter.

Mein Lieblingsplakat auf der Unteilbar-Demonstration zeigte ein Bild von Sahra Wagenknecht, die von der Teilnahme abgeraten hatte. Unter dem Bild stand „Sahra allein zu Hause“. Ich dachte mir zuerst: So schnell wie ihre Sammelbewegung Aufstehen hat sich noch keine Volksfront versenkt. Aber vielleicht wollte Wagenknecht auch nicht mich erreichen, sondern den Mann neben mir. Der traute sich immer noch nicht über die Straße. 

Während ich dies schreibe, ist Seehofer weiter im Amt. Wahrscheinlich will er noch sein letztes politische Ziel erreichen: Merkel mit in den Abgrund reißen, um die Union zu retten. Dann hätte er es zum ersten Kamikaze-Politiker auf deutschem Boden gebracht. Sie sehen: Der Stress hört einfach nicht auf. Vielleicht ist er doch gesund.

Volker Heise ist Filmemacher.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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