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Unionsstreit CSU hat mehr zu verlieren als die CDU

Die strategische Dummheit der CSU liegt darin, vor lauter Geltungsdrang zu übersehen, dass der Anlass zu klein ist für eine glaubwürdige Drohung mit dem Bruch. Die Kolumne.

CSU-Chef Horst Seehofer
CSU-Chef und Bundesinnenminister Horst Seehofer. Foto: afp

Gegenseitiges Verprügeln auf offener Bühne ohne Ansehen der Familienbande: Ja, das geht. CDU und CSU führen es vor und die entferntere Verwandtschaft von der SPD erlebt es wie in Schockstarre. Auch weil sie in solchen Fällen immer an die eigenen Traumata denkt. Die Union ist da anders, diesmal ganz anders.

In der Union ist Brutalität normal, sobald das Heiligste in Gefahr scheint: die Regierungsmacht. Nun bedeuten gut 40 Prozent in den bayerischen Umfragen keine echte Machtgefahr. Die CSU empfindet das anders. Für Markus Söder wird es eine persönliche Niederlage sein, wenn er einen Koalitionspartner braucht nach der Landtagswahl im Herbst. So tickt die CSU. Also wird polarisiert, was das Zeug hält.

Es ist ein alter Mechanismus bei Bayerns rechter Staatspartei und in der Vergangenheit hat das Rezept meist gewirkt: draufhauen, auffallen, wiedergewählt werden. Die CDU hat es seit Franz-Josef Strauß über sich ergehen lassen, ohne dass es ihr nachhaltig geschadet hätte. Auch im Rest der Republik hat es zur Selbstvergewisserung beigetragen: In Bayern ticken die Uhren anders.

Regieren können – nicht Programmatisches – bildet bei der Union den Kern des Anspruchs. Aber die Parteienwelt auf der Rechten hat sich dauerhaft geändert. In der Union gibt es deshalb auch emotional einen doppelt tiefen Graben, weil die Antworten auf diese große Veränderung so diametral unterschiedlich sind.

Bei der CSU reagieren sie wie immer. Wenn Kritik von rechts kommt, übernehmen sie diese lautstark und leiten sie in Richtung Bund weiter. Selbst wenn die Erwartung, dass dies zweifelnde Wähler neu bindet, jetzt einer vorsätzlichen Selbsttäuschung gleich kommt. Auf der anderen Seite aber ist Angela Merkel seit Jahren mit einer inhaltlich gegensätzlichen, wenn auch artverwandten Anpassungsstrategie unterwegs: Anpassung gegenüber dem Mainstream in der Republik.

Atomausstieg, Klimapolitik, Ende der Wehrpflicht, auch Flüchtlingspolitik stehen als ursprünglich unionsferne Themen dafür. Alt-konservativ ist daran nichts mehr, aber die Basis hat es geschluckt. Mag sich die AfD auch am rechten Rand festsetzen – die Führungsrolle der CDU in der Mitte bleibt ungefährdet, weil sich dort keine Alternative aufbauen kann. Auch Schwarz-Grün in Hessen steht dafür.

Mag die Kanzlerin in der Flüchtlingspolitik nun Korrekturen nach rechts versuchen, weil die Stimmung sich wandelt; mögen Winkelstrategen von Rollenteilung reden: Legt man die beiden Strategieansätze nebeneinander, passen sie nicht mehr zusammen, so unterschiedlich können Bayern und Deutschland nicht sein. Das ist das Neue. Und es ist das Dilemma Merkels in ihrer letzten Regierungsphase, dass sie innenpolitisch bestenfalls noch Zeit gewinnen kann, aber das Kalkül, den längeren Atem zu haben, nicht mehr aufgeht.

Die strategische Dummheit der Söder-CSU liegt darin, vor lauter Geltungsdrang zu übersehen, dass der Anlass zu klein ist für eine glaubwürdige Drohung mit dem Bruch. Noch ist Europa der Mehrheit im Land zu wichtig, um wahltaktische Spielchen zu treiben. Die CSU hat kurzfristig mehr zu verlieren als die CDU.

Aber wen tröstet das? Wenn zwei Strategien derart in Widerspruch kommen, ist für Feindschaft gesorgt. Und für Spaltung im Land. Den Leuten wird immer neu vorgespielt, Geflüchtete seien ihr größtes Problem und Europa generell unfähig. Es ist armselig, dieses Ende der Ära Merkel.

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