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Terror in Medien Tödliches Theater

Terror wirkt via Medien auf uns. Wir wissen das. Doch was folgert daraus für Medienmacher und -verbraucher? Die Kolumne.

Slagzeile vorprogrammiert: Terror wirkt auch wegen seiner Multiplikation durch die Medien. Foto: imago

Hoffen wir mal, dass die Alarmstufe heute bei dunkelorange bleibt, dass keine Newsticker rasen, keine Blaulichter zucken werden, kein „Brennpunkt“ unseren Fernsehabend stört. Atmen wir durch, knipsen wir die Smartphones aus, lehnen wir uns zurück. Um zu betrachten, was wir da neulich wieder angerichtet haben, wir Medienmacher und Medienverbraucher.

„Terrorismus zielt auf die Zuschauer, nicht auf die tatsächlichen Opfer“, notierte schon vor über 40 Jahren der Terrorforscher Brian Michael Jenkins, „Terrorismus ist Theater“. Inklusive Skript, Casting, Rollenspiel und Feuerwerk. Bühnenarbeit mit starken Symbolen. Die Opfer werden verletzt oder gar getötet. Und sind doch nur, wie die Autoren Alex P. Schmid und Janny De Graaf Anfang der 80er formulierten, „das Fell der Trommel, die geschlagen wird, um eine kalkulierte Wirkung auf ein größeres Publikum zu erzielen“.

Eigentlich doch klar: Terror wirkt nur über seine Multiplikation durch Medien. Die Zahl seiner mentalen Opfer ist stets mehrere Zehnerpotenzen größer als die seiner physischen. Wir sind terrorerfahren genug, das sofort zu begreifen. Der Terror-Historiker John Bowyer Bell erkannte schon vor fast 40 Jahren: „Es ist für fanatische Grüppchen sehr viel verlockender geworden, auf der Weltbühne des Fernsehens zu erscheinen als obskure Guerillas im Busch zu bleiben.“

Ja, das Fernsehen. Neulich Abend war es wieder in Hochstimmung: Terror! Jetzt auch in Deutschland! Liveschaltungen nach dem Motto: „Sie sehen nichts, sie wissen nichts, erzählen sie uns alles!“ Stunden des schnappatmenden Konjunktivs. Bullshit-Bingo zur besten Sendezeit, Wackelvideos, Not-Aufsager und „Terrorexperten“. Was hinzukam: Ein Klick-Feuerwerk per Whatsapp, Twitter, Facebook, Youtube und Co.

Der Erkenntnisgewinn blieb minimal. Aber die Gefühle, die waren ganz groß. Einer der Experten, Joachim Krause von der Uni Kiel, sagte am Morgen nach dem Münchner Amoklauf: „Ich hab mir drei Stunden ARD angetan und noch mal kurz ZDF – es war schlimm.“ Den Medien, so sein Urteil, fehle „die Gelassenheit“.

Bald folgten die Talkshows. Die fiebern nach Angst und Schrecken – weil dies quotenträchtige Gefühle sind und somit Teil ihres hyperventilierenden Geschäftsmodells. Ganz vorn dabei und geradezu symptomatisch: der Herr Plasberg. Hat binnen Jahresfrist diese tollen Terrorthemen abgefeiert: „Terrorkrieg in Paris – was macht die Angst mit unserem Europa?“, „Terror gegen die Freiheit – wie verteidigen wir unsere Werte?“, „Deutschland und der Terror – ist Sicherheit jetzt wichtiger als Freiheit?“, „Flucht, Terror, Skandale – wie hat 2015 unser Land verändert?“, „Angriff auf das Herz Europas – Schutzlos gegen den Terror?“, „Terror im Namen Gottes – hat der Islam ein Gewaltproblem?“. Die letzte neulich hieß, ein bisschen gaga, aber für Terror-Plasberg geradezu programmatisch: „Amok in Zeiten des Terrors“.

Mit bloßer Erregung werden wir alle Teil des Terror-Theaters, transportieren seine Propaganda, plus Angst, Wut, Ohnmacht. Er will die Gesellschaft in ihrer Grundbefindlichkeit treffen, ihr die Zuversicht nehmen. Bellende Moderatoren und Untergangs-Kommentatoren sind Teil ihrer Strategie. Statt Amok-Journalismus brauchen wir: echte Information, Erklärung, Kontext, Wissen. Und, ja: Gelassenheit.

Tom Schimmeck ist Autor.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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