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Tempolimit Raserei ist wieder in Mode

Was die Gegner von Tempolimits zu sagen haben, ist beinahe genauso gemeingefährlich wie die illegalen Rennen in unseren Städten. Unsere Kolumne.

Tempolimit
Auf deutschen Autobahnen tobt seit Jahrzehnten der Kampf an der Front der Verweigerer einer Geschwindigkeitsbegrenzung. Foto: Imago

In Berlin vergeht kaum ein Tag ohne Autorennen zwischen jungen Männern in übermotorisierten und in keinem Verhältnis zu ihren Einkommen stehenden, teuren Protz-Autos. Eine gute Nachricht: Die Polizei schreibt nicht mehr nur Knöllchen aus, sondern geht zur Beschlagnahme der Fahrzeuge nach verbotenen Wettkämpfen über.

Fußgänger, die ohne Lebensgefahr über die Straße kommen wollen, und andere Verkehrsteilnehmer, die immer noch bei Rot an der Kreuzung halten, sollten dafür dankbar sein. Mal sehen, ob es Anwälten gelingt, die Automobile vor der Versteigerung zu retten. Ich wäre für eine Schnellverschrottung – denn wer möchte schon gern von einem ungebremsten 600-PS-Boliden überrollt werden?

Auf deutschen Autobahnen tobt derweil seit Jahrzehnten der Kampf an der Front der Verweigerer einer Geschwindigkeitsbegrenzung, wie sie in allen anderen Ländern Europas längst üblich ist. Seit der Spruch „Freie Fahrt für freie Bürger!“ kreiert wurde, haben sich die Kampfverbände der Autolobby das weiße Schild mit den schwarzen Strichen als Markenzeichen angeeignet.

Dobrindt hält nichts vom Tempolimit

Allen voran macht sich der eingetragene Verein „Mobil in Deutschland“ dafür stark, die Autobahnen von einem 130-Stundenkilometer-Limit freizuhalten. Auf seinen Facebook-Seiten toben sich die Raser jetzt verbal aus. Es gibt eine Unterschriftenaktion mit mehr als 40 000 Teilnehmern. Wenn der Hunderttausendste unterschrieben hat, will man mit der Liste ins Kanzleramt ziehen.

An der Seite des Vereins steht Christian Lindner, der zum 25. Geburtstag der ADAC-Konkurrenz eine freundliche Videobotschaft sandte. „Mobil“-Präsident Michael Haberland bedankte sich umgehend mit der Einladung zu einer Spritztour mit FDP-Wahlkampf-Interview in seinem VW-Käfer.

Lindner durfte seinen Satz aus der Grußbotschaft wiederholen, dass er eigentlich Benzin im Blut habe (wenigstens kein Diesel!) und dass er die Höhe der Geschwindigkeit eher in die Hände der Autofahrer legen will als in die jener, die immer alles reglementieren wollten. Denn das Auto biete doch vor allem das Gefühl von Freiheit. Noch-Verkehrsminister Alexander Dobrindt darf auch nicht in den Vereinsmitteilungen fehlen. Die Frage „Was halten Sie vom Tempolimit 130?“ beantwortet er mit einem klaren „Nichts!“.

„Mobil in Deutschland“ holt zum Rundumschlag aus

Auf den Facebook-Seiten werden die Fans des Vereins noch deutlicher: „Keine Haft für Alltagsraser!“, „Autos unter 100 PS haben auf deutschen Autobahnen nichts zu suchen“, und der möglichen Jamaika-Koalition wird auch etwas auf den Weg gegeben: Sven Zuban schreibt ganz unanonym, dass „dieser grüne Abschaum aus der Politik muss ... Das wird einer der Gründe sein, warum der Reichstag wieder brennen wird.“

Dabei sollten die Deutsch-Mobilen nicht zu hart mit den Grünen ins Gericht gehen. Im Streit um ein Tempolimit auf der Autobahn 81 in Baden-Württemberg haben sie sich immerhin mit der CDU auf einen Kompromiss einigen können. Die berüchtigten Schweizer Autoraser bekommen nur noch ein kleines Stück für ihren freien Auslauf. Eine 150.000 Euro teure Informationskampagne mit Radiospots, Bannern und Zeitungsanzeigen soll sie künftig ausbremsen.

Vorige Woche hat „Mobil in Deutschland“ wieder zum jährlichen Rundumschlag ausgeholt. Es erschien der aktuelle Blitzeratlas, mit dem nachgewiesen werden soll, dass eigentlich nur geblitzt werde, um die Stadtsäckel zu füllen, die Autofahrer zu knechten und ihnen die Freiheit der schnellstmöglichen Fortbewegung zu nehmen. Ein eindeutiger Zusammenhang von Blitzern und Verblendung.

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