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Sprache Die Kampfzone der AfD

Mit der deutschen Sprache lässt sich das Programm der AfD durchaus erkennen. Man muss sie nur intelligent nutzen. Die Kolumne.

AfD
Weidel und Gauland sprechen die Sprache, die ihre Anhänger hören wollen. Foto: afp

Obwohl ich in den 60er Jahren vor allem durch die Popkultur sozialisiert worden bin, weiß ich bis heute nicht recht, etwas mit den Bindestrich-Begriffen anzufangen, denen das Wort Indie vorangestellt ist.

Indie steht für das englische Adjektiv independent (unabhängig), aber das ergibt in Bezug auf die Phänomene der Popkultur keinen Sinn. Was Pop ist und wird, hängt sehr von der öffentlichen Wahrnehmung ab. Unter Indie-Bands versteht man musikalische Formationen, die sich jenseits der großen Plattenlabels etabliert haben, wo wiederum ganz andere Arten von Abhängigkeiten gelten, die aber nicht gemeint sind, wenn man etwas den Stempel Indie aufprägt.

Man kann sich bemühen, solche oft widersinnigen sprachlichen Vereinfachungen zu vermeiden. Ich zucke jedes Mal zusammen, wenn jemand sagt, dass etwas in den sozialen Medien trendet, und wer mir eine schriftliche Zusammenfassung als „handout“ unterschiebt oder ein „wording“ besprechen will, den habe ich im Verdacht, noch viel schlimmere Phrasen in seinem Repertoire zu haben. Die Generation Powerpoint schreitet unaufhaltsam voran, auch wenn sich deren technische Darstellungsmedien inzwischen verfeinert haben mögen.

Während ich das hier niederschreibe, schäme ich mich sofort für meine sprachkritische Spießigkeit. Spießer nannte man im Mittelalter jene Waffenträger, über die die Entwicklung von Feuerwaffen auf tödliche Weise hinweggegangen war. Wenn ich meine eigene Spießigkeit rechtzeitig bemerke, verordne ich mir eine gewisse Coolness, auch so ein widersprüchlich gebrauchter Begriff, der allerdings noch erahnen lässt, dass eine heiße Leidenschaft aus strategischen Gründen heruntergekühlt worden ist.

Ideologischer Kern des AfD-Antrags

Auf das politische Ansinnen der angeblichen Alternative für Deutschland, die deutsche Sprache künftig als Landessprache im Grundgesetz zu verankern, haben einige Vertreter des Deutschen Bundestags cool reagiert. Am intelligentesten gelang dies dem SPD-Abgeordneten Johann Saathoff, der in einer auf Plattdeutsch gehaltenen Rede den ideologischen Kern des AfD-Antrags freilegte.

Den angemessenen Umgang mit Sprache befördert man nicht durch normativen Zwang, sondern durch Präzision und Variation, durch Spruch und Widerspruch. Die Vertreter der AfD sind dabei, den Gebrauch der deutschen Sprache als ideologische Kampfzone zu definieren, Johann Saathoff aber hat auf unterhaltsame Weise vorgeführt, wie die Wahl der Waffen zu beeinflussen ist.

Man kann der AfD für die Wahl ihres Themas dankbar sein, denn mit der Debatte ist das Feld der Möglichkeiten erweitert worden, sich mit den gesellschaftspolitisch reaktionären Kräften auseinanderzusetzen. Ihren Umgang mit der deutschen Sprache sollte man dabei sehr ernst nehmen. Mit dem Einzug in den Bundestag hat die AfD eine Bühne erklommen, auf der die zuletzt eher vernachlässigte parlamentarische Rede wieder an Bedeutung zu erlangen vermag.

Die Umwidmung gesellschaftlicher Übereinkünfte, zum Beispiel über den Stand der geschichtswissenschaftlichen Erforschung des Nationalsozialismus, ist in vollem Gange. Die selbst ernannten Revolutionäre von rechts, deren parlamentarischer Arm die AfD ist, betreiben eine Re-Mythisierung historischer Fakten. Die deutsche Sprache ist aber präzise genug, das Programm dahinter zu erkennen.

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