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SPD Respekt vor Martin Schulz

In den Kommentarspalten klebt der Kopf von Martin Schulz auf der Zielscheibe. Wer all das jeden Tag über sich liest, braucht starke Nerven. Unsere Kolumne.

Martin Schulz
Martin Schulz braucht starke Nerven. Foto: afp

Wenn Sie diese Zeilen heute lesen, ist vielleicht alles schon ganz anders. Angela Merkel hat sich, schmollend die Finger zur Raute geformt, auf die Kanzlerschaft einer Minderheitsregierung zurückgezogen. Horst Seehofer ist froh, dass ihm bereits ein Ministeramt in Berlin in Aussicht gestellt wurde, um der Schmach des endlosen Nachfolgegeschachers in Bayern entgehen zu können. Und die SPD-Spitze hat jede Aussage über die Art und Weise der Duldung nicht auf die lange Bank, aber wenigstens auf die Zeit nach dem Parteitag verschoben, weil Delegierte und Mitglieder auch noch ein Wort mitzureden haben.

Aber vielleicht geht auch alles ganz schnell im Schloss Bellevue, unter der Autorität des Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier, den Angela Merkel doch so ungern in dieses Amt kommen sah, und schon am Abend stehen alle Signale für die nächste Groko auf Grün.

Doch dazu fehlen mir Glauben und Phantasie. Ich hoffe auf ein gründliches Abwägen aller Argumente, weil sich mir ein Satz aus dem Rede- und Schreibschwall der Kommentatoren seit dem Jamaika-Ende eingeprägt hat. Angesichts der Stimmenverluste für die SPD nach jeder großen Koalition und der Aussicht auf mögliche 15 Prozent nach einem neuen Versuch, schrieb der Politikwissenschaftler Ulrich von Alemann: „Man kann eine Partei nicht auffordern, sehenden Auges Selbstmord zu begehen.“

Schulz wurde sofort ins Visier genommen

Ich lasse mir jedenfalls meinen Respekt vor dem couragierten Wahlkämpfer Martin Schulz von niemandem ausreden. Was ist nicht alles in den letzten Tagen über ihn geschrieben worden, welche Kübel wurden da ausgeleert! Als ob nicht Lindners FDP-One-man-show mit feistem Kalkül den Bettel hingeschmissen hätte, sondern einzig die SPD Schuld und Verantwortung trüge, hatten die meisten Autoren in den Kommentarspalten sofort den Kopf von Schulz auf die Zielscheibe geklebt.

Herr Bosbach beschwor in „Bild“ den Verrat an Willy Brandt. Außerdem diagnostizierte „Post von Wagner“ der SPD zwar ein „kardiologisches Erdbeben“ hart am Exitus, aber Schulz habe nun „das Schicksal Deutschlands in der Hand“.

Der „Focus“ bemühte gar einen Körpersprachenexperten, der dem Delinquenten nachweisen wollte, sein Blick „tendiere in Richtung Boden – die Augenlider oft nur auf Halbmast“, das Aufgeben bereits signalisierend. Forsa-Chef Güllner wird zitiert mit: „Bei der SPD herrscht kollektiver Irrsinn.“ Schließlich folgt noch die Empfehlung jenes Siemens Job-Abwicklers, der sich jegliche Einmischung der Politik in die Praxis der Profitmaximierung verbietet, die SPD möge doch das „u“ in „Schulz“ gegen ein „o“ austauschen. Wer all das jeden Tag über sich liest, braucht starke Nerven und er braucht vor allem die Unterstützung von Freunden, mögen darunter auch „Parteifreunde“ sein.

Ein Zitat müssen Sie noch ertragen: „Es zeugt von mangelndem demokratischem Verständnis, sich beleidigt in die Schmollecke zu verziehen und sich der Regierungsverantwortung zu entziehen.“ Das Redaktionsnetzwerk Deutschland hat diese goldenen Worte des CSU-Vize und Noch-Landwirtschaftsministers Christian Schmidt vorige Woche notiert. Inzwischen hat er mit seiner Glyphosatprovokation eine unübersehbare Probe auf das demokratische Verständnis einer potentiellen Koalitionspartei abgeliefert, während Schulz noch mit aller Vorsicht die Bereitschaft für bevorstehende Gespräche mit den Unionsparteien signalisierte.

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