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Sommer Lieber wegtauchen als schwimmen

Wenn es Sommer wird in der Politik, machen sich die Regierenden gern unsichtbar. Außer Horst Seehofer. Ein Zeichen von Stärke ist das nicht.

Jetzt ist Ruhe, vielleicht. Die Parlamente sind in den Ferien, die Gipfel sind abgehalten, die WM ist gespielt und sogar Donald Trump macht Urlaub, hoffentlich – wenn auch mit Sicherheit nicht ohne Handy. Am Themenhorizont für die nächsten Wochen jedenfalls zeigt sich bislang: nichts, außer Seehofer.

Der allerdings kommt schwerlich noch mal raus aus der allgemeinen Aufmerksamkeit. Seit 69 plus eins sein höchstpersönliches Thema wurde (die 69 Abschiebungen just an seinem Geburtstag plus die eine rechtswidrige des sogenannten ehemaligen Bin-Laden-Leibwächters nach Tunesien), wird die Opposition sich diesen Dauerlutscher nicht nehmen lassen.

Ganz in Ruhe aufklären, immer neue Fragen stellen, Schritt für Schritt und Woche für Woche, irgendwann auch die juristischen Fragen betreffend die Verantwortung des Horst Seehofer. In diesem Fall kann man nur sagen: Es geschieht ihm recht, dem eitlen Horst. Wobei er als alter Profi eigentlich hätte wissen müssen, dass man als Minister kurz vor Beginn des politischen Sommers den Mund lieber weniger voll nimmt.

Harmlos gemeinte Randbemerkungen können wochenlang für Negativdynamik sorgen, wenn sonst nicht viel los ist und sich Geschwätz bei näherem Hinsehen als höchst verdächtig erweist. Siehe bei Horst S.: das Schwadronieren über das angeblich nötige Durchbrechen der Spirale ärgerlicher Gerichtsurteile gegen Abschiebungen.

Unvergessen ist die berühmte „ruhige Hand“ des Kanzlers Gerhard Schröder, die dieser der Bundespressekonferenz kurz vor Urlaubsantritt vorzeigte, um zu sagen, er habe alles im Griff und sei überhaupt nicht nervös. Einen Sommer lang wurde er danach geprügelt, er tue nicht genug und vor lauter ruhiger Hand blieben die großen Dinge liegen. Das Ergebnis war Getriebenheit pur. Später, in einem Herbst, kam die sogenannte Agenda 2010, der Rest ist bekannt.

Eigentlich gilt in Berlin seit jenen Tagen das Prinzip: Tauche im Sommer lieber ab, als dass die Leute dir beim ungelenken Schwimmen zusehen. Bedeutet: Lieber unsichtbar sein als Objekt der Kritik.

Vom heutigen Bundesfinanzminister Olaf Scholz stammt sogar die Erfahrung, dass es manchmal der Durchsetzung des einen oder anderen kleineren Vorhabens sehr hilft, wenn es ein wenig unterhalb der großen öffentlichen Wahrnehmungs- und damit zumeist Aufregungsschwelle bleibt.

Erkennbar zu werden, laut zu sein, Debatten anzustoßen: Es war mal so etwas wie das Prinzip ambitionierter Politik schlechthin. Denn wer etwas bewegen will, muss andere mitziehen. Aber bewegen wollen, wenn jeglicher Impuls zerredet wird?

Gut dastehen und gut aussehen kann zweierlei sein. Angesichts der oft so überdrehten Aufregungsspirale gepaart mit genereller Politikverachtung ist die große Öffentlichkeit längst eher das originäre Spielfeld der jeweiligen Opposition – während Regierungspolitiker normalerweise froh sind, selbst mal nicht das aktuelle Hauptthema zu liefern.

Ein Ausweis der Stärke ist all das nicht. Wegtauchen ist objektiv immer ein Schwächezeichen, aber die Krux ist: Es kann professionell sein. Mit Ausnahme selbstredend bei denjenigen, die noch etwas werden wollen. Doch in diese Kategorie fallen Horst Seehofer schon lange und Markus Söder neuerdings nicht mehr.

Es muss der bayerische Wahlkampf auf deren strategischen Verstand in etwa so gewirkt haben wie eine versteckte Abschaltsoftware auf einen älteren Diesel, Klimaverpestung inklusive. Möge die Wahlniederlage krachend ausfallen.

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