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Sexismus-Debatte und Face Shaming Wie Sexismus im Alltag funktioniert

Immer dann, wenn das Aussehen von Frauen unabhängig vom Kontext thematisiert wird, haben wir es mit Sexismus zu tun. Das gilt auch im Fall Sawsan Chebli. Die Kolumne.

Sexismus-Debatte
Chebli beschwert sich über Sexismus im Alltag - und wird dafür kritisiert. Foto: M. Popow (imago stock&people)

Vor einiger Zeit hat eine meiner Kolumnen so manchen Leser mächtig erzürnt. Darunter auch Alexander S., der den Text – in seinen Augen nichts weiter als Hetze – auf Facebook postete, um sich mit seinen Freund*innen intensiver diesbezüglich auszutauschen. Das scheint ihm irgendwann nicht der Ablehnung genug gewesen zu sein. „Der Mensch ist ab einem gewissen Alter für sein Gesicht verantwortlich“, zitierte er Albert Camus und ergänzte seinen Beitrag leidlich themenverfehlt mit meinen FR-Autorenbildern.

‚Zack, das hat gesessen, damit habe ich der Alten so richtig einen mitgegeben‘, mag sich Herr S. gedacht und sich auf der sicheren Seite gewähnt haben. Juristisch nicht ganz, aber immerhin hat er einen aufschlussreichen Beitrag zur Sexismusdiskussion geleistet.

Der hier stellvertretend stehende S. hatte die Autorin vom Inhalt ihrer Kolumne abgekoppelt, um auf einer anderen Ebene die Diskussion in eine persönliche Abwertung zu überführen. Er hatte die Optik in den Fokus gerückt zur öffentlichen Demontage, und zwar dadurch, dass über die Bilder mehr nachgedacht oder gar gelästert wird als über den Text – nach dem Motto: Sollen die Damen bei dem bleiben, was sie am besten können, nämlich so richtig sexy sein. Und wenn sie das schon nicht sind, bloß die Klappe nicht zu weit aufreißen.

Sexistisches Mittel des Face Shaming

Dann nämlich wird potentiell auf das sexistische Mittel des Face Shaming (oder: Fat Shaming) zurückgegriffen, womit man insbesondere Frauen einreden will, sich für ihr Erscheinungsbild zu schämen – schon deshalb, weil es kontextfrei und einzig zur Einschüchterung thematisiert wird. Handlungsleitendes Moment ist, die emanzipierte Frau an ihrer empfindlichen Stelle zu erwischen – ihrem Äußeren. Letztlich wollen sie doch alle schön sein nach den Maßstäben, die eine patriarchale Gesellschaft durch allgegenwärtig sichtbare Weiblichkeitsideale vorgibt.

Auch Frauen beteiligen sich an solchen Entwertungsstrategien. Die Feministin Anne Wizorek hat im Deutschlandfunk formuliert, dass es „nicht nur um Männer (geht), die sexistisches Verhalten an den Tag legen, sondern auch noch um Frauen, die das Verhalten verinnerlichen und als okay legitimieren“. Nicht jede empfindet es als diskriminierend, das eigene Geschlecht abzuwerten, vielleicht weil ihr „Ansprechpartner in Sachen Emanzipation“ das mit der Gleichberechtigung nie in Frage stellen würde. Aber trotzdem Frauen zu Täterinnen macht, solange nur der Mann das Opfer weiblicher Reize (oder „Hetze“, s.o.) bleibt.

Das sexistische „Kompliment“

Sexismus funktioniert in Punkto Optik auch gegenteilig, wie der Fall der Staatssekretärin Sawsan Chebli zeigt. In ihrer Funktion auf einer Veranstaltung als „jung“ und „schön“ bezeichnet zu werden, empfand sie als Sexismus. Womit sie völlig richtig liegt, denn ihr werden Attribute zugewiesen, die ein Mann in einer ähnlichen Situation nie bekäme, weshalb es im Kontext ihrer Rolle als Staatssekretärin (benevolent-) sexistisch bleibt. Das gilt trotz des Deckmäntelchens der Ritterlichkeit, die als Kompliment daher kommt.

Es könnte nicht schaden, sich zu vergegenwärtigen, was Sexismus meint. Nämlich die soziale Ungleichbehandlung von Mann und Frau im Hinblick auf die Zuordnungen bestimmter geschlechtsspezifisch definierter Merkmale. Diese Zuordnungen bestimmen nach wie vor Männer. Wer das nicht zur Kenntnis nimmt, verweigert die Debatte.

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