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Sexismus-Debatte Entlastung von Sexismusvorwürfen ist so gut wie unmöglich

Verdacht, Behauptung und Gewissheit schießen bei vielen Auseinandersetzungen auf gefährliche Weise zusammen. Das ist nicht immer hilfreich. Die Kolumne.

Protest gegen die Ausstellung Barbie Dreamhouse
Aktivisten protestieren gegen die Wanderausstellung Barbie Dreamhouse in Berlin Foto: imago

Es gab vor einigen Jahren eine Fernsehwerbung eines Bierherstellers, in der der frühere Fußballprofi und spätere Schalke-Manager Rudi Assauer im Partygedränge einer Frau hinterherschaute. Die Zurechtweisung erfolgte umgehend. „Nur gucken, nicht anfassen!“ rief ihm die Schauspielerin Simone Thomalla zu, die zu diesem Zeitpunkt nicht nur in dem Werbeclip mit Assauer liiert war, sondern auch im richtigen Leben.

Der Clip bediente sich nicht nur der Prominenz des Paares Assauer/Thomalla, sondern machte sich auch deren Rollenbilder zu eigen. Die selbstbewusste Schauspielerin dominiert den autoritären Macho. Der besondere Witz der Szene rührte nicht zuletzt daher, dass es Simone Thomalla war, die über Grenze zwischen begehrlichem Blick und sexuellem Kontakt wachte. Alles unter Kontrolle, der Mann ist harmlos, wenn er erst in den richtigen Händen ist. Als Botschaft blieb schließlich übrig, dass dem Macho immerhin noch der Biergenuss bleibt.

Die Szene mit Thomalla und Assauer schloss die mögliche sexuelle Anbahnung nicht aus, aber sie fand nicht statt. Der Macho wurde nicht nur zum  dressierten Mann zurechtgestutzt, sondern zudem noch an die Ermahnung aus der Kindheit erinnert, mit der die Mutter im Kaufhaus das Anfassen von diesem und jenem verbot. Das Geschlechterverhältnis im Zeichen Regression.

Von der souveränen Gelassenheit einer Bierreklame ist nicht mehr sehr viel übriggeblieben, wenn man auf die Debatten der letzten Monate blickt, die sich variantenreich um das Thema eines strukturellen Sexismus drehen. Immer neue Fallgeschichten befeuern eine Hermeneutik des Verdachts, hinter der das jeweilige Geschehen allerdings weitgehend verschwindet. Groopies erzählen von 40 Jahre zurückliegenden sexuellen Begegnungen mit Popstars, und die Filmsets der Hollywood-Ära erweisen sich als Wildbahnen enthemmter Lust.

Die Sexismus-Debatte ist nicht die einzige gesellschaftliche Auseinandersetzung, in der Verdacht, Behauptung und Gewissheit auf gefährliche Weise zusammenschießen. Der Fußballreporter Tom Bartels wurde im Sommer hartnäckig und dauerhaft mit dem Vorwurf des Rassismus konfrontiert, nachdem er in seiner Spielreportage dem dunkelhäutigen deutschen Nationalspieler Antonio Rüdiger nach einer Kabale auf dem Platz zugerufen hatte, er solle hier bitte nicht „den Affen machen“. Eine dumme Redewendung, gewiss. Aber ist die Verknüpfung der despektierlichen Bezeichnung Affe mit einem schwarzen Fußballer bereits ein hinreichender Beleg für eine rassistische Gesinnung?

Es spricht nichts dagegen, dass eine Gesellschaft sich über sprachliche Konventionen und allzu arglos gebrauchte Metaphern verständigt. Der Fall Bartels/Rüdiger kann aber auch als Beispiel dafür betrachtet werden, wie belastend das Gift des Verdachts für das kommunikative Handeln werden kann.

Ist die semantische Unterstellung erst einmal auf dem Tisch, scheint eine Entlastung so gut wie unmöglich. Wie das Beispiel des unter Sexismusverdacht geratenen Gedichts von Eugen Gomringer an der Hausfassade an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin zeigt, erstattete selbst die überzeugendste lyrische Instanz nicht seine ursprüngliche Unschuld. Der Verdacht hat das Wohlwollen ruiniert, Erholung ist leider nicht in Sicht.

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