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Seenot-Retter Vom Hass auf Menschenretter

Wehe denen, die im Mittelmeer Flüchtlinge zu retten versuchen. Sie dürfen sich im Netz auf einiges gefasst machen. Beispiele gefällig? Unsere Kolumne.

Seenot-Retter
Sie retten Menschenleben - Seenot-Retter im Mittelmeer. Foto: dpa

Was wurden öffentlichkeitswirksame Krokodilstränen vergossen, als in der Nacht zum 19. April 2015 etwa 500 Flüchtlinge im Mittelmeer ertranken. Selbst Innenminister Thomas de Maizière fand die Seenotrettung „erheblich“ verbesserungswürdig. „Wir sind es uns insgesamt selbst schuldig, dass wir hier mehr tun“, lehnte sich gar Chefin Angela Merkel aus dem Fenster.

Wie mittlerweile bekannt, viel zu weit. Denn was die EU bis dato verweigert, hatten bis vor kurzem noch NGOs wie Sea-Eye übernommen: das Massensterben im Mittelmeer einzudämmen. Und obwohl Sigmar Gabriel sich von den „KZ-ähnlichen Zuständen“ (Auswärtiges Amt) in libyschen Flüchtlingslagern ein Bild machen konnte, ist der Berliner Politapparat nach wie vor einzig daran interessiert, die personifizierte Armut gefälligst dort zu belassen, wo sie hingehört – auf dass sie niemandem das Abendbrot verhagelt.

Offensichtlich ersaufen Flüchtlinge lieber, als sich vergewaltigen und quälen zu lassen – wofür „einzig und allein jeder einzelne Mensch (verantwortlich sei), der sich dazu entscheidet, in ein solches Boot zu steigen“, wie Kommentatorin B. im FR-Forum ihre Empathie-Abstinenz öffentlich macht – exemplarisch für viele. Es seien ja „erwachsene Menschen“, meint W. ihr beipflichtend zu wissen, dem gesagt sei, dass die „Erwachsenen“ zu um die zehn Prozent aus minderjährigen unbegleiteten Flüchtlingen bestehen. Aber Details sind nichtig, denn wer ins Boot steigt, warum auch immer, kann gefälligst nicht meckern, wenn die „Reise“ auf dem Meeresgrund endet.

Überlebenskampf mit dem Nachtbus verwechselt

Die NGOs gedenken genau das zu verhindern, doch abgelehnt werden sie von diejenigen, die einen SUV gegenüber dem Elend vor der Haustüre bevorzugen: „Es werden keine Flüchtlinge aus dem Meer gefischt sondern junge Glücksritter, die sich auf den Weg machen, weil sie wissen, dass die Boote der NGOs sie abholen“, analysiert Kommentator T. messerscharf, der den Überlebenskampf mit dem Nachtbus verwechselt. Und gleichzeitig die Motivation der Seenot-Retter schuldig bleibt.

Wie übrigens fast alle, die de facto Menschenretter an den Pranger stellen, als wüssten sie nicht, dass die NGOs diesen Job machen, weil die Humanismusabteilung der EU nur für die eigene Wählerschaft geöffnet hat. Aber, stopp, „unmenschlich handeln auch die Rettungsschiffe“ (User S.), weil sie „eine gewisse Sicherheit für Schlepper und… Wirtschaftsflüchtlinge“ darstellten. Aber Herr S., es ist nun einmal so, dass im Mittelmeer gestorben wurde, als die NGOs noch gar nicht aktiv waren.

Um Ratio geht es hier jedoch längst nicht, vielmehr um rechte Verschwörungstheorien, als vergoldeten sich die Seenot-Retter in Kooperation mit den Schleppern ihren Lebensabend. Vielleicht ist der Hass auch deshalb so groß, weil ein humanistisches Desaster sichtbar wird, obwohl man sich doch am liebsten mit sich selbst beschäftigt und die Auswirkungen einer auf ökonomische Ausbeutung fußenden Wirtschaftsmacht lieber ausblendet.

„Wir können hier in Europa nicht das ganze Elend der dritten Welt aufnehmen“, quallt es aus jedem zweiten Kommentar der B.s und W.s. Vielleicht sollten gerade die sich einmal mit Holger Mack unterhalten, der als Seenot-Retter mitbekommt, „wie der Horrorweg durch die Sahara war, was für ein Leben sie in Libyen führten“. Der die Hoffnungslosigkeit in jedem Gesicht sieht, die ausreicht, den Verlust des eigenen Lebens in Kauf zu nehmen.

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