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Schulbuchskandal Klett Mit Antisemitismus zum Abitur

Warum störte sich fünf Jahre niemand an einem Bild, das das Klischee des Finanzjudentums transportiert? Könnte es sein, dass antisemitische Stereotypen kaum noch wahrgenommen werden? Die Kolumne.

Antisemtische Karikatur von 1898. Foto: imago/Leemage

In der Haut des Geschäftsführers des Klett-Verlags möchte in diesen Tagen wohl keiner stecken. Der hat alle Hände voll damit zu tun, einen Antisemitismusskandal auf eine überschaubare Größe zu kochen, der eigentlich nicht nur einer des Bildungsverlags ist.

Seit 2012 geistert ein Schulbuch durch den Politikunterricht deutscher Oberstufen, das die Finanzkrise mit einer Europa verschlingenden Münze illustriert. Die wird angetrieben von der Rothschild-Bank, die den Kontinent in unabwendbarer Gier zu verschlingen droht. Den plumpen Antisemitismus hat der US-amerikanische Künstler David Dees verbrochen, der die behauptete Allmacht des Finanzjudentums in deutsche Klassenzimmer hebt und damit den Jungs und Mädels kurz vor dem Abitur schon mal gleich illuster vor Augen führt, wer die eigentlich Bösen sind auf dem Planeten.

Sicherlich nicht Leute wie er, der in der Schulbuchgrafik eine vergleichsweise harmlose Kostprobe seines Könnens abgibt. Denn das dürfte ganz nach dem Geschmack der rechtsextremen Szene sein, die auf dem Nachttisch auch gerne die Aufzeichnungen des Holocaustleugners Jürgen Graf zur Bettlektüre stapelt.

Der lässt sich nämlich vom selben antisemitischen Online-Verlag vertreiben, der neben Dees’ „Political Art“ – „dem Leser wird der grimmige Humor gefallen, mit dem Dees Themen wie Federal Reserve Board, …, Chemtrails,…, den Impfwahn, den Polizeistaat, die kontrollierten Medien, … und kriminelle zionistische Bankster darstellt“ – auch Grafs Pamphlet „Der geplante Volkstod“ unters Volk jubelt.

David Dees, der einst für die „Sesamstraße“ zeichnete, bevor ihn ein „Erleuchtungserlebnis“ politisierte, dürfte sich in der illustren Gesellschaft wohlfühlen: Seine Bilder lassen kein verschwörungstheoretisches Klischee aus, verkaufen Paranoia als Durchblick und bringen sicherlich das völkische Herz zum Tanzen, wenn der nationalistische Kitsch auf Hochglanz über der Playstation hängt.

Aufgedeckt hat den Skandal das Online-Magazin „Vice“, der Verlag habe entsprechend reagiert, berichtet die Seite weiter. Fehler passieren, natürlich auch den großen Bildungsmedien, nur: Um Dees’ Bilder zu finden, braucht es zwei Klicks. Wie konnte er es zum einen in ein Schulbuch schaffen und zum anderen: Wieso ist das in den letzten fünf Jahren keinem Verantwortlichen aufgefallen?

Könnte es sein, dass antisemitische Stereotype kaum noch wahrgenommen werden, weil inzwischen mit solchen Bildern dermaßen geklotzt wird, dass der Radar schon gar nicht mehr anspringt? Sie sozusagen schleichend Einzug halten in gängige Wahrnehmungs- und Erklärungsmuster: Rothschild = Finanzkapital = das Böse, wie es Dees facettenreich zeichnet, der den Davidstern zum Unheilssymbol stilisiert. Verschwörungstheorien nur von den Völkischen hätten es jedoch so weit gar nicht geschafft, gäbe es nicht eine gewisse Bereitschaft für antiisraelische oder antisemitische Reflexe.

Solange Terroranschläge auf israelischem Boden als Widerstand bezeichnet werden, kann einem schon mal die Rothschild-Bank als Europa-Fresser durchrutschen. Alternative Fakten gehören jedoch nicht in Schulbücher für den Politikunterricht.

Katja Thorwarth ist Autorin und Redakteurin der digitalen Redaktion der FR.

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