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Schreddern Die Pest

Beim Schreddern von Erinnerungen passieren einem beängstigende Dinge. Und im falschen Moment tauchen plötzlich tote Ratten auf.

Wanderratte
Eine Wanderratte auf Futtersuche. Foto: Imago

Vor einer Woche habe ich eine tote Ratte gesehen. Sie lag auf dem Bürgersteig, die Augen verdreht, Blut quoll aus der Seite, keine Atmung mehr. Tote Ratten sind nichts Ungewöhnliches in einer großen Stadt. In Berlin sollen eben so viele Ratten wie Menschen leben, also müssen sie auch irgendwo sterben.

Friedhöfe gibt es für sie meines Wissens nicht, aber was weiß ich schon über tote Ratten, einmal davon abgesehen, dass sie mich an den Anfang eines Buches erinnern: „Die Pest“ von Albert Camus. Dort sind tote Ratten die Vorboten der Seuche. Zuerst stirbt eine, dann zwei, dann viele, schließlich sind die Menschen dran, ohne Rücksicht auf Ansehen und Stand. Seit ich es gelesen habe, denke ich immer, wenn ich ein totes Exemplar sehe: Es geht los, die Pest kommt, bald bist Du dran. Dann beruhige ich mich meistens: Die Welt ist in Ordnung, solange es bei einem Kadaver bleibt.

Erinnerungen sind sowieso die falschen Wegweiser in die Zukunft, weshalb ich regelmäßig von Ordne-Dein-Leben-Attacken befallen werde und die Vergangenheit begrabe, zuletzt vor fünf Tagen. Die Wohnung wird ausgemistet, auch die Abstellkammer, in der sonst alles verschwindet, was ich nicht mehr brauche, aber weder wegwerfen noch weggeben will. Abstellkammern sind ja wie das Unbewusste bei einem Menschen: Was man verdrängen will, kommt da rein. Der Mist verschwindet aber nicht, er wird nur größer.

Beim Aufräumen fielen mir Steuerunterlagen aus der Zeit vor der Jahrtausendwende in die Hände. Bankauszüge, Quittungen, Belege für den Steuerberater. Mein ganzes Leben zog in Rechnungen an mir vorbei und endete Monat für Monat in roten Zahlen oder Nachforderungen des Finanzamtes, wenn es doch einmal besser gelaufen war.

Die meisten Rechnungen wurden von Firmen ausgestellt, die es nicht mehr gibt und deren Namen vergessen sind. „Foto und Video Wünsche“ etwa, wo ich immer die Kassetten für meine Aufnahmegeräte gekauft habe. Der Laden war ein rumpeliges Geschäft in der Markthalle in Kreuzberg 61, nicht weit von dem Imbiss, wo die Exil-Jugoslawen Roth-Händle geraucht haben oder Reval. Jetzt gibt es dort Champagner zu trinken und Austern zu essen. Rauchen ist natürlich verboten.

In der Buchhandlung Kiepert habe ich früher ganze Tage verbracht. Sie lag am Ernst-Reuter-Platz und bot Bücher aus der ganzen Welt in einem eigenen Haus auf mehreren Etagen. Jedes Spezialgebiet hatte seine Ecke, es gab auch eine über Seuchen. Heute hat dort das Warenhaus Manufactum seine Heimat und lässt Berlinerinnen und Berliner von der Zeit vor der industriellen Revolution träumen, als der Arbeiter noch von Hand ausgebeutet wurde und der Mensch des Menschen Wolf war und nicht sein Algorithmus.

Die Handy-Rechnung dagegen kam von Mannesmann, was einmal ein stolzes Unternehmen der Stahlindustrie war, dann ein Mobilfunkanbieter, dann für 190 Milliarden Euro verkauft wurde, um sich Vodafone nennen zu können. Das war im Jahr 2000, also in einer anderen Welt, vor Facebook (2004) und Smartphone (2007) und Ebola (2014).

Natürlich stellten sich beim Anblick der alten Rechnungen schlimme Anfälle von Nostalgie ein, die ich aber mit dem Schredder beseitigen konnte. Rechnung für Rechnung wurde von ihm zerrissen, bis von meinen Erinnerungen nicht mehr übrig blieb als ein Haufen Papierfetzen, ohne Sinn oder Verstand.

So muss die Demenz aussehen, dachte ich mir und ging nach unten, auf den Hof, zur Papiermülltonne, um mein Gedächtnis endgültig zu beseitigen. Gerade hatte ich den Deckel angehoben, da sah ich sie, zwei Ratten, beide tot. Beim nächsten Mal schreddere ich die Pest.

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