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Riesenkalmare Augen wie Suppenteller

Bei der Partnerwahl sind sie ziemliche Fatalisten, und ihre kleinen Verwandten passen prima auf den Teller. Sie leben noch geheimnisvoller als V-Männer, die Riesenkalmare.

Jetzt hat man wieder einen von ihnen entdeckt. Sie sind Geheimnisträger. Sie agieren im Halbdunkel, man weiß wenig oder nichts von ihnen, aber sie sind da und sehr aktiv. Und wenn sie dann mal auftauchen, könnte einem Angst werden. Nein, es geht nicht um V-Männer des Geheimdienstes in der rechten Szene. Auch nicht um Staatsdiener, die Haftbefehle ins Internet stellen. Es geht um Riesenkalmare. Gerade wurde wieder einer gefunden, tot am Strand von Neuseeland. 

Diese rätselhaften Tiere tauchen im wahrsten Sinne des Wortes sehr selten auf. Sie leben im Meer, in Tiefen von mehreren Hundert Metern. Wenn sie einmal an die Oberfläche kommen, dann unfreiwillig. Entweder sind sie tot oder sie gingen einem Tiefseefischer ins Netz. Um ihre Existenz ranken sich viele Legenden. Ganze Segelschiffe sollen sie angegriffen und versenkt haben.

Im Prinzip kennt man Kalmare aus dem Restaurant, vom Griechen oder Italiener um die Ecke. Dort heißen sie Calamari oder so ähnlich. Die sind viel kleiner als ihre großen Verwandten, aber der Bauplan ist ziemlich gleich. Sie haben zehn Arme, von denen zwei besonders lang sind. Der Mantel ist eine kegelförmige Hülle, die man auch zu Ringen geschnitten frittieren kann. 
Er ist bei den „küchenfähigen“ Arten bekanntermaßen nur wenige Zentimeter lang. Bei den Riesen kommt man ohne weiteres auf zwei Meter. Da ist es doch gut, dass es die kleinere Version gibt, die locker auf jeden Teller passt. Und auch noch genießbar ist! 

Wenn man die zwei extralangen Tentakel mitberechnet, maß ein Exemplar, das vor 120 Jahren an Neuseelands Küste angespült wurde, über 18 Meter. Aber diese Fangarme längenmäßig zu erfassen, führt in die Irre, denn sie sind sehr dehnbar. So warten Wissenschaftler noch darauf, dass bei einem neuen Fund irgendwann die 12-Meter-Marke überschritten wird. 

Man fand die Spuren von Saugnäpfen, die sie an ihren Fangarmen tragen, auf der Haut von Pottwalen. Aus den Abdrücken schloss man früher auf die Größe des Kalmars und kam damit auf viel zu hohe Werte, bis zu 60 Meter. 

Man bedachte damals allerdings nicht, dass die Narben mit der Walhaut wachsen und so viel größer werden können als die eigentliche Verletzung. Nur der Pottwal wird wohl mit diesen Giganten fertig. Dass sie eine beliebte Speise für ihn sind, zeigen Kampfspuren auf der Haut dieser Meeressäuger und Überreste in den Mägen, darunter Augen so groß wie Suppenteller. Mehr geht im Tierreich nicht.

Die Suche nach Rekordmaßen ist aber längst nicht das Spannendste an diesen Mollusken. Trotz ihrer Größe werden sie wohl nur drei bis fünf Jahre alt. Immerhin gelangen vor ein paar Jahren erste Aufnahmen im Lebensraum. Sie zeigen einen geschickten Jäger, angetrieben durch das Rückstoßprinzip, der seine Beute sogar mit Lichtblitzen bombardieren kann. 

Besonders rätselhaft ist die Vermehrung. Die männlichen Tiere verteilen ihre Samenpakete offenbar völlig unselektiv an beide Geschlechter. Wahrscheinlich treffen sie so selten auf Artgenossen, dass sie nicht lange überlegen können, ob das so passt. 

Sie denken wohl: Irgendwann wird es schon die Richtige treffen. Wir können ziemlich sicher sein, dass dieser Fatalismus angeboren ist und nichts zu tun hat mit dem aktuellen Zustand der Tiefsee. Über den wissen wir noch weniger als über die Welt der Geheimagenten. 

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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