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Reichsbürger Verschwörungstheorien sind die Einstiegsdroge

Vielen gelten die Reichsbürger als exzentrische Spinner. Man sollte sie jedoch ernst nehmen, handelt es sich doch um knallharte Verschwörungstheoretiker. Die Kolumne.

Reichsbürger
Reichsbürger sind in der Regel bewaffnet - und somit gefährlich. Foto: dpa

Reichsbürger sind schon lange nicht mehr witzig. Am Anfang wurden sie noch als exzentrische Spinner betrachtet, die sich dem deutschen Rechtsstaat entziehen, um weder Strafzettel noch Steuern zu bezahlen. Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, sich mit ein paar Freunden eine Insel zu kaufen und auf Staat, Behörden, Bürokratie zu verzichten. In meiner Kindheit hatten wir mal im Garten einer Tante ein Schild aufgestellt auf dem stand: „Bunte Republik Summt“.

Die knallharten Verschwörungstheoretiker

Die Reichsbürger von heute sind aber weder Kinder noch Romantiker, auch wenn ihre verschiedenen Selbstbezeichnungen oft unfreiwillig komisch sind. Sie erkennen die Bundesrepublik nicht an, halten das Deutsche Reich für die legitime Rechtsform und sind in ihrer Ideologie vor allem eines: knallharte Verschwörungstheoretiker.

Jedes der Elemente ihrer Begründung, weshalb es die Bundesrepublik nicht gebe, strotzt vor wahnhaften Vorstellungen über fremde Mächte, jüdische Verschwörer, Geschichtsrevisionismus und militanten Fantasien über die finale Abrechnung am Tag X. Eine Reichsbürgerarmee soll bereits in Planung sein. Ziele sind auch schon ausgemacht: Vertreter der pluralen, demokratischen Gesellschaft wie Abgeordnete, Mitarbeiter in Verwaltungen wie Polizisten, Gerichtsvollzieher oder auch engagierte Bürger.

Nicht witzig. Denn die Reichsbürger sind bewaffnet. Der Verfassungsschutz bezeichnet sie als Waffennarren – das klingt diplomatischer und soll beruhigen. Wie sie an die Waffen kommen? Diese Waffennarren gehen halt in Schützenvereine und bekommen dann darüber ganz legal einen Waffenschein. Ganz einfach.

Die Reichsbürger-Szene wächst rasant

Der Verfassungsschutz kann derzeit in Deutschland 18 400 Personen als Reichsbürger identifizieren. Was bedeutet, dass längst nicht alle erfasst sind. Die Szene wächst rasant. Zwischen Reichs-Späti und Öko-Bauernhof, für den man demnächst vielleicht sogar ein Visum braucht, gibt es unzählige Varianten, sogar mit etlichen Königen und Präsidenten. Etwa 300 Reichsbürgern wurde inzwischen die Waffenlizenz entzogen. Immerhin!

Soweit die schlechte Nachricht: Wir haben in Deutschland ein Milieu mitunter bewaffneter Spinner und Querulanten mit dem Drang, wahnhafte Verschwörungstheorien zu verbreiten, von denen laut Verfassungsschutz sogar 900 (sic!) der rechtsextremen Szene angehören sollen. Die gute Nachricht ist, dass sich diese Leute in ihre Kleinstaaten zurückziehen mitsamt ihren Ausweisen, Uniformen und sonstigen Absurditäten, weil es am Ende doch zu ungemütlich geworden ist in der Mitte der Gesellschaft. Hier finden sich in Ost wie West genug wunderbare Gutmenschen, die verhindern, dass sich Reichsbürger & Co. hier weiterhin fühlen, wie Fische im Wasser.

Dennoch ist es zu einfach, die Reichsbürger-Szene als Randgruppe abzutun. Sie symbolisiert in überhöhter Form, wie gut Militanz und Verschwörungsideologien zusammengehen. Diese Tendenz ist nicht allein bei den Reichsbürgern zu finden. Verschwörungstheorien sind die Einstiegsdroge für Radikalisierungen. Sie funktioniert auf allen Kanälen und allen Ideologien, von Islamisten bis Reichsbürgern. Beide sehnen eine neue Weltordnung herbei, in der ihr Reich kommen möge. Eine Ordnung, so fundamentalistisch, antiemanzipatorisch, antidemokratisch, antisemitisch, militant wie jede andere, die mit Gewalt die Kultur der Demokratie abschaffen will. Gar nicht witzig.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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