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Rechtspopulismus Nazisprech als Propagandamittel

Sprache kann entmenschlichen, das schrieb schon Victor Klemperer in „LTI“. Unsere Kolumne beschreibt, wie der einstige Trick der Nazis heute Einzug ins politische Tagesgeschäft hält.

Flüchtlingspolitik
Sebastian Kurz und Markus Söder können als Vertreter des politischen Rechtsrucks gelten. Foto: dpa

„An ihren Taten könnt ihr die falschen Propheten erkennen“, hatte die Bibel früh vor möglichen Blendern gewarnt, deren Worte die eigentlichen Ziele zu verschleiern suchten. Wer jedoch, um die nächste Phrase zu bemühen, den Anfängen wehren will, sollte heutzutage bei den Politiker*innen jedweder Couleur ganz genau zuhören.

Aktuell völlig entfesselt zeigen sich Teile der Union, deren politisches Kalkül – oder ist es doch ein bislang verdeckter Teil sogenannter konservativer Politik? – sie offensichtlich dazu treibt, Menschen in einer von Empathie befreiten Sprache zu enthumanisieren. Hierfür gibt es prominente Vorbilder, und einen sehr klugen Mann, der sich intensiv mit Sprache und ihrer gesellschaftlichen Wirkung befasst hat. Der jüdische Philologe Victor Klemperer brachte 1946 das „Notizbuch eines Philologen“ heraus: In LTI (Lingua Tertii Imperii – Sprache des Dritten Reiches) analysiert er, wie Worte als pures Gift eine Gesellschaft durchdringen, wie Sprache kontinuierlich das Denken und Handeln der Menschen manipuliert und steuert.

Markus Söder versucht es mit „Asyltourismus“

Ähnliches ist mittlerweile nicht nur bei den offen lebenden extremen Rechten zu beobachten, sondern gleichsam bei vielen, die unter dem Label des „Demokraten“ einen Freifahrtschein zu besitzen meinen. ‚Ich darf, weil ich mich anders nenne‘, scheint das Motto, und aktuell ist es die sprachliche Entmenschlichung der Flüchtlinge. Dabei verbreitet sich das „Gift“ (Klemperer) schleichend, bis die Adressat*innen die Botschaft verinnerlichen und das Individuum unter einen Massenbegriff subsumieren. Mit dem Resultat, dass einem Goldfisch mehr Empathie zu Teil wird als dem Menschen auf der Flucht – sei es vor Krieg oder vor Armut.

Das Gift ist so weit verbreitet, dass Markus Söder mit seinem plumpen „Asyltourismus“ ankommt. Natürlich wissen alle, dass eine Flucht nichts mit einem Urlaub gemein hat, doch koppelt Söder die Flucht von ihrem eigentlichen Grund ab. Wird sich nicht durchsetzen; der subtilere „Flüchtlingsstrom“, der unaufhaltsam und kontinuierlich strömende, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gelte, hat es getan.

Und weshalb? Weil man ihm als bedrohlich-abstrakter Masse mit Angst begegnen und ihn inhaltlich beliebig füllen kann. Wenn Klemperer vom Antisemitismus als dem „wirksamsten Propagandamittel“ der Nazis sprach, so ist das heutzutage zu Propagandazwecken der Anti-Islam. Es gäbe deutlich faktischere Probleme zu debattieren, doch hat sich der Islam als Gegner (und quasi Synonym für Flüchtlinge) sogenannter „westlicher Werte“ auch in liberalen Köpfen festgesetzt, zumindest insofern, als man mit seiner herbeigeredeten Omnipräsenz Wählerstimmen zu erlangen glaubt.

„Ankerzentrum“ ist ein Paradebeispiel dafür, wie Sprache negative Fakten mithilfe eines technisierenden und romantisierten Begriffs wenigstens neutral in den Köpfen der Adressaten, äh, verankern soll. Offiziell steht „Anker“ für „Ankunft, Entscheidung, kommunale Verteilung bzw. Rückführung “, doch scheint diese  Abkürzung schwer zurechtgebogen.

Neben dem „ technischen Bild aus der Schifffahrt“ schwinge auch ein gewisser „poetischer Hauch“ mit, wie Klemperer bezüglich „verankern“ notierte. Mit „Anker“ lässt sich Positives wie Hafen assoziieren, der neben dem Ankommen auch Schutz verspricht. „Lager“ klingt deutlich weniger sexy, doch als was bezeichnet man einen Ort, an dem mehr als 1000 Menschen auf unbestimmte Zeit auf engem Raum zusammengepfercht sind? Experten schlagen Alarm, aber das „Volk“ hat mit dem „Ankerzentrum“ das Lager einzukaufen.  Kümmern wir uns also mehr um die Sprache.

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