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Rechte in Chemnitz Biederbürger und aggressive Schlägertypen

Eruptionen wie in Chemnitz sind alarmierend. Doch das Fatale ist: Je normaler das Empörende wird, desto ermüdender ist es, dagegenzuhalten. Die Kolumne.

Chemnitz
In Chemnitz wollen sie wieder „das Volk“ sein. Foto: afp

Jetzt rufen sie wieder „Wir sind das Volk“, in einer Mischung aus tumben Mitläufern und aggressiven Schlägertypen. Zu befürchten ist: Im Fall Chemnitz ist etwas dran an dem Slogan. Es waren viele Biederbürger dabei, die sich einreihten in die dunkeldeutschen Krawalldemonstrationen Anfang der Woche.

Nein, das Volk, als Ganzes verstanden, war es nicht. Das Volk als Ganzes gibt es nicht in Richtungsfragen der Politik, jedenfalls nicht in Demokratien. Schon der Versuch, es für sich zu reklamieren, muss am Grundverständnis zweifeln lassen. Das Volk, also alle, war in politischen Auseinandersetzungen immer eine Projektion, eine Anmaßung. Der Begriff wird benutzt und damit zugleich missbraucht. Aber weil das so klar ist, sind Eruptionen wie in Chemnitz umso alarmierender.

Die Bedenkenlosigkeit, mit der sie dort den Polarisierern hinterherliefen, zeigt: Rechte Grundhaltungen sind in manchen Milieus meinungs- und stimmungsprägend - nicht nur in Sachsen. Die elende Uneindeutigkeit, mit der speziell die CDU im Osten damit umgeht, ist ein Teil des Problems. Hinterher distanzieren und verurteilen sie, im normalen Alltag trieft es vor Verständnisbekundungen für angebliche Sorgen, die Ressentiments sind.

In die rechtsanfälligen Welten hinein ist die demokratisch-vielfältige Gesellschaft nicht mehr anschlussfähig genug. Demokratien bieten in ihrer Vielfalt nicht genügend Identifikationspunkte an, hat ein Professor in einem Interview gesagt. Ein bitterer Befund, aber ein realistischer.

Das Fatale ist: Je normaler das Empörende wird, desto ermüdender ist es, dagegenzuhalten. Ein Aufstand der Anständigen taugt nicht als Dauerrezept. Es ist verdammt anstrengend, immer wieder den Mund aufzumachen und dagegenzuhalten und doch auch nach dem hundertsten Mal noch das Gefühl zu haben, dass es nicht viel bringt. Es gibt ihn inzwischen, den Abnutzungsfrust.

Links-grüne Lebensstile der Selbstzufriedenheit

Es stimmt auch, dass die eigene kulturelle Abwendung, dass die neuen links-grünen Lebensstile, die Selbstzufriedenheit im „aufgeklärten“ Umfeld ihrerseits abstoßend wirken können. Einfach weil der Graben zu groß wurde zu den Milieus, in denen unbehelligt die Rechten fischen. Das ist die gesellschaftliche Lage, egal ob es überhaupt noch Begegnung gibt oder nur Nicht-mehr-Begegnung. Interessant, dass in dieser Woche der Ruf nach dem starken Staat mal von links kam, wenn auch als purer Notruf.

Was sonst kann helfen? Klarheit und Eindeutigkeit, aber nicht Rechthaberei. Orientierung, die von denen ausgehen muss, die die Gesellschaft repräsentieren, sei es durch politische Ämter, durch Berufsrollen oder im Ehrenamt. In Schule und Hochschule, bei der Polizei, in Handwerksinnungen, in Sportvereinen, bei der Feuerwehr oder im Computer-Club. Wobei Orientierung nicht bedeutet, nur die Anti-Rechts-Abgrenzung vor sich herzutragen. Orientierung heißt: Vorbilder schaffen, denen zu folgen Freude macht.

Das ist leicht gesagt, wobei: Schlimmer wärs ohne diesen Zeigefinger. Denn auch Nicht-Haltung gerät ja zum Vorbild, für die Polizei zumal. Was in Sachsen mancherorts so chronisch wurde, ist die kleinbürgerliche Weigerung, im Alltag klare Kante zu zeigen. Das Schweigen und die Selbstfixiertheit im Zentrum der Gesellschaft. Es ist eine schiefe Ebene, die so entsteht. Ist sie erst einmal da, führt jegliche Rangelei zum weiteren Abrutschen. Das Gegenhalten fängt weit vor der direkten Auseinandersetzung mit den Rechten an. Nämlich überall.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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