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Querfront Die Neigung zu wahnhaften Weltbildern

Putin ist es gelungen, die Unterschiede zwischen den Extremen von Rechts und Links unkenntlich zu machen. Doch der Frieden der Querfront bedeutet für viele nur Krieg mit anderen Mitteln. Die Kolumne.

Leitfigur der Querfrontler: Russlands Präsident Wladimir Putin. Foto: dpa

Russland, so scheint es, ist die Leitnation der Querfront geworden und in Wladimir Putin erkennen sich die Wahnsinnigen der Moderne wieder. Wie keinem anderen ist es ihm gelungen, die Unterschiede zwischen den Extremen von Rechts und Links unkenntlich zu machen. Gerade ging in Sankt Petersburg ein europäisches Treffen extrem rechtsnationaler Parteien zu Ende. Auch Udo Voigt war da, der Ex-Chef der NPD.

Weit wichtiger als die bekannten rassistischen, antisemitischen und homophoben Vorstellungen dieser Leute ist der symbolische Wert dieses Treffens. Er bedeutet: Mit Russland kann sich jeder identifizieren, der etwas gegen den Westen hat. Und wer es tut, wird hinnehmen müssen, dass Europas Nazis mit am Tisch sitzen. Ob Linkspartei oder antiimperialistische Antifa, ob Pegida oder Friedensmahnwachen, Kameradschaften, Verschwörungstheoretiker oder Ostermarschierer – sie alle lassen sich auf Putin ein. Russische Fahnen sind das Gleichnis für eine Allianz geworden, die noch vor kurzer Zeit undenkbar schien. Nun wehen sie überall.

Friedenswinter als Querschnitt

Im letzten Frühjahr begannen die sogenannten Montagsdemos oder Friedensmahnwachen. Dort zeigten sich die ersten Neigungen zu wahnhaften Weltbildern. Im Sommer kamen die Gaza-Proteste hinzu, die mit ausfälligem Antisemitismus eine Weile Schlagzeilen machten. Im Herbst begann Pegida sich als übellauniger Spaziergang gegen Staat, Demokratie, Medien aber ganz besonders gegen Flüchtlinge zu formieren. Nazis machten extra Stunk vor Flüchtlingsheimen, prügelten, jagten und spuckten zwischendurch. Im Winter gab’s den Friedenswinter, der den Querschnitt des Vorangegangenen herzustellen versuchte und bald sind die Ostermärsche wieder dran. Und alle stehen zu Putins Russland.

Wie nur kommt dieses Durcheinander von Faschisten und Antifaschisten zustande? Passt die Welt nicht mehr in diese Begriffe oder ignorieren wir einfach ihre Ähnlichkeit? Ist Russland heute vielleicht nur eine Projektionsfläche für das Gute – so wie Israel für das Schlechte? Das mag sein. Doch beteiligt sich Russland aktiv an dieser Rolle – im Gegensatz zu Israel. Alles, was den Westen destabilisieren kann, bekommt Putins Unterstützung. Und die Querfront nimmt die Offerten an.

Selbst wenn es untereinander Abgrenzungen und ideologische Unterschiede geben mag, so weht die Russlandfahne über dem gesamten Kampfplatz für den Frieden, aber gegen Amerika und die EU. Faschismus nach dieser Logik wird, was er früher einmal war: die Macht des Finanzkapitals. Und so kann jeder Antifaschist sein, wenn er für alles in der Welt nur den Westen, den Kapitalismus, Amerika in Symbiose mit Israel, die Wall Street und ihre Medien verantwortlich machen kann. Irgendwer ist schuld, irgendwer lenkt, irgendwer macht das alles, und am Ende der Kette sitzt wieder Rothschild in einem Zimmer und zieht die Fäden, wie er will.

Das Gegenteil von Faschismus soll dieser Antifaschismus sein? Das stimmt weder philosophisch noch politisch. Das Gegenteil von Diktatur ist nicht eine andere Diktatur, sondern demokratische Kultur. Und ein Frieden der Querfront unter der Russlandfahne bedeutet für Demokraten, Dissidenten, Juden, Homosexuelle und Einwanderer nur Krieg mit anderen Mitteln.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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