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Pflegesystem Prüfung und Würde

Meine alte Mutter braucht Pflege. Eine Gutachterin muss dafür ihren Zustand bewerten. Das Ergebnis liest sich wie ein herzloser Mängelkatalog. Die Kolumne.

Frau Sievers war auffällig darum bemüht, es nicht wie eine Prüfung erscheinen zu lassen. Sie sprach laut, aber nicht fordernd, trat bestimmt auf, war aber um eine Atmosphäre des Wohlwollens bemüht. Meine Mutter verstand nicht genau, warum Frau Sievers all diese Fragen stellte. Willig, fast beflissen gab sie Auskunft. Für einen kurzen Moment glaubte ich, das Antlitz eines Schulmädchens zu sehen, das nichts verpassen will. Als sie im Ton der Gewissheit auf die Frage nach dem Wochentag den Montag benannte, verbesserte Frau Sievers milde: „Na, da sind wir schon einen Tag weiter.“

Eingruppierung in das Pflegesystem

Frau Sievers war vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) gekommen, um meine Mutter für eine Eingruppierung in das Pflegesystem zu begutachten. Sie erstelle eine Bedarfsanalyse, sagte sie erläuternd, die Eingruppierung selbst nehme dann die Pflegeversicherung vor.

Frau Sievers ist um Transparenz bemüht, man muss so viel erklären. Die Nachrichten sind ja voll davon, dass sich das Pflegesystem im Visier der organisierten Kriminalität befindet. Leistungsbetrug. Frau Sievers muss also darauf achten, dass man ihr nichts vormacht.

Meine Mutter versucht sich zusammenzureißen. Als Frau Sievers ihr hinsichtlich ihrer körperlichen Beweglichkeit schmeichelt, nimmt sie es mit stiller Genugtuung hin. Als sie nach ihrem Alter gefragt wird, verheddert sie sich. Nach ihrem 97. Geburtstag im Juli hat sie vergessen, ein Jahr weiter zu zählen. Frau Sievers korrigiert es – anerkennend. Ihr entgeht nichts. Sie hat bemerkt, dass die Bluse meiner Mutter fleckig ist. Sie werde das vermerken, sagt sie halblaut zu mir. Ich möge das nicht falsch verstehen. Es deute auf eine gewisse Nachlässigkeit hin, unterstreiche also nur einen erhöhten Pflegebedarf.

Haltung und Würde trotz Demenz

Es geht darum Punkte zu akkumulieren. Am Morgen noch hatte meine Mutter eine gänzlich zerschlissene Bluse angezogen. Als ich sie darauf ansprach, fühlte sie sich ertappt und sagte, die trage sie doch nur zum Arbeiten. Aber da ist keine Arbeit mehr, die sie zu verrichten hat. Die Gewohnheit lässt sie immer wieder nach denselben Kleidern greifen.

Nach einer knappen Stunde ist die Testreihe beendet. Die kompetente Frau Sievers ist gewiss in der Lage, sich ein schlüssiges Bild von der Verfassung meiner Mutter zu machen. Wenn es darum geht, unter Beweis zu stellen, dass es selbst im Zustand fortschreitender Demenz darauf ankommt, Haltung und Würde zu bewahren, dann hat meine Mutter bestanden. Aber im Protokoll der Frau Sievers steht nichts von charakterlicher Festigkeit, ein Ethos der Aufrichtigkeit, womöglich auch nur ein Hinweis auf das Bedürfnis, irgendwie weiterzumachen.

Frau Sievers ist keine Abgesandte des Letzten Gerichts, sie vertritt die Interessen ihres Auftraggebers. Sie vergibt Punkte für Mängel.

Die Pflegeversicherung gewährt notwendige Hilfen am Ende des Lebens, die Phrase von der Würde des Menschen ist schnell zur Hand. Die Sitzung mit Frau Sievers beschreibt jedoch eine staatlich fabrizierte Paradoxie.

Es ist eine Prüfung, die nicht zu bestehen ist. Im Kampf um den Erhalt der Würde bis zum Schluss wartet am Ende ein Rechnungswesen, das im Namen staatlicher Legitimationsbedürfnisse einiges zu geben vermag, aber doch zu viel nimmt.

Harry Nutt ist Autor.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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