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Pegida Tatjana F. hat ihr Wutreich verloren

Ohne Lutz Bachmann ist Tatjana Festerling plötzlich rechtsaußen fast ganz allein zu Haus. Ihre Pegida-Bühne in Dresden hat sie verloren. Und München hört nicht zu. Die Kolumne.

In München hat sie extra eine Tarnjacke angezogen: Tatjana Festerling. Foto: imago

Wo sie war, wächst kein Gras mehr, sagen die einen. Sie ist knallhart, wissen andere – doch eigentlich ist Tatjana Festerling einfach nur die Härteste. Wie keine andere aus ihrem Lager drischt sie auf den politischen Gegner ein, sie ist die ungekrönte braune Königin der Szene und hasst einfach alles, was nicht ins völkische Sammelalbum passt. Man möchte der Brachialrhetorikerin weder im Dunkeln noch im Hellen begegnen, ihr, die all den „Duckmäusern“ gerne mal ordentlich einen mitgeben würde, denn im Kontext der Heimatverteidigung könne es auch „nicht immer gemütlich“ bleiben.

Für Pegida München dürfte das Grund genug gewesen sein, sie für den 1. August als Rednerin zum Odeonsplatz zu laden. In Dresden hatte die Frau, die an keinem Mikrofon vorbeikommt, ohne hineinzuschreien, vor Tausenden geschimpft und gewütet und mit Mistgabeln gewedelt. Das Volk lag ihr zu Füßen, hatte ihr mit „Tatjana, Tatjana“-Rufen die Ehre erwiesen, und hätte Frau Festerling sich nicht mit Dresdens Obermacho Lutz Bachmann eine kleine, aber feine Schlammschlacht geliefert, sie hätte den 1. August auf ihrer Bühne in ihrem sächsischen Wutreich verbracht.

Doch bei Pegida Dresden darf sie nicht mehr. Vielleicht aus Frust jagte sie kürzlich im Namen ihres neuen Vereins „Fortress Europe“ über den Kontinent, um im Schlepptau einer paramilitärischen Bürgerwehr „illegale“ Flüchtlinge aufzugreifen. Zugejubelt hat ihr niemand, außer vielleicht auf einem ihrer drei Accounts auf Facebook.

In München sollte es nun wieder so werden wie früher mit dem Lutz, als die johlende Masse für sie und mit ihr „Lügenpresse“ sang und Angela Merkel hasste. Daraus wurde nichts: Noch gegen 19 Uhr kam die „Wir sind das Volk“-Dauerphrase als Songtext vom Band, nur zirka 100 rechte Kehlchen hatten sich versammelt. Parallel in Dresden sprach der rechts äußerst außen stehende Michael Stürzenberger immerhin vor 2500 Pegida-Begeisterten, und auch wenn es zu T. Festerlings Zeiten noch ein paar mehr gewesen sein dürften, sprach er aus, was eigentlich ihr über die Lippen hätte kommen müssen: „Hallo Dresden und guten Abend, Sachsen – und gute Nacht, Westdeutschland“.

Wie es um Westdeutschland bestellt ist, zeigte sich an diesem Abend in München. T.F. hatte extra eine militärische Tarnjacke für ihren Auftritt gewählt, ihre Mistgabel zu Hause gelassen, um die bürgerlichen Westdeutschen nicht zu verschrecken, hatte Flüchtlingspolitik mit Pokémon verglichen – „Refugee-Industrie und Betreuungssüchtige“ – und sich ganz auf die kapitalistisch Sozialisierten eingestellt. Immerhin kommt sie ursprünglich aus Wuppertal und weiß genau, wie die ticken, doch so wie früher ist es nicht gewesen.

Wie sollte es auch, denn ihre Stadt ist Dresden, wo die „guten Deutschen“ leben. Eine Mauer drumherum, so hoch wie der Himmel, wäre ihr Traum, ein nationalistischer Schutzwall gegen „linke Gutmenschen, verkrachte Gender-Tanten mit ihrem überzogenen Sexualscheiß“ und natürlich gegen die amerikanisch-links-grün-schwarz versiffte Merkel. Und zu gerne wäre sie Oberbürgermeisterin geworden, was wäre das für ein Fest gewesen, jeden Tag Pegida und Dresden inklusive Speckgürtel migrantenfrei. Doch daraus wird nichts. Lutz hat ihr alles kaputt gemacht.

Katja Thorwarth ist Autorin und Redakteurin der digitalen Redaktion der FR.

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