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Online-Kommentare Der Moslem war es

„Sagt uns endlich, dass es ein Flüchtling war“: Die Nationalität mutmaßlicher Straftäter rückt zunehmend in den Fokus des Interesses. Die Kolumne.

Online-Kommentare
Häufig entfesselt: Menschen beim Kommentieren. Foto: imago

Ein 19-Jähriger wird bei einer Messerstecherei in Wiesbaden getötet, zwei weitere junge Männer verletzt. Die Hintergründe der Tat sind unklar, ebenso, wer zugestochen hat. Empathie für das Opfer? Fehlanzeige. Interesse an den Hintergründen der Tat? Nicht in Zeiten wie diesen.

Den internetaffinen heimatbewussten Biodeutschen interessiert einzig die Nationalität der Beteiligten und des potentiellen Täters. Messerstecherei, klar, Muslime waren es: „Warum werden den Anhängern dieses Kulturkreises nicht endlich die Messer abgenommen? Oder gehört das zur Religionsausübung?“, ätzt es aus dem Forum des SWR: „Also unter investigativem Journalismus versteht man die Wiedergabe von Fakten und das Präsentieren von Tatsachen ohne Verschleierung oder Meinungsmache!“, kleidet ein anderer seine Geisteshaltung in pseudo-objektives Interesse.

Es scheint beinahe, als säßen sie zu Hause wartend vor ihren Rechnern, um unter eine Meldung ihr Hauptanliegen platzieren zu können: Raus mit der Sprache, sagt uns endlich, dass es ein Flüchtling war – eigenlogisch ein muslimischer. Die Deutschen sind es seit geraumer Zeit nämlich nie. Zumindest nicht die richtigen Deutschen, die ihren Stammbaum innerhalb Kurhessens die letzten 500 Jahre mehrmals wöchentlich mit geschwellter Brust nachzeichnen können.

Das unzivilisierte Schlechte den anderen zuzuschreiben, dürfte hier das handlungsmotivierende weil identitätsstiftende Moment sein, durch das der Mensch, Opfer als auch Täter, zur Nebensache verkommt.

Was waren das noch für Zeiten, als man sich die anderen nicht aus der Kleinstadtidylle wegdefinieren musste, als diese noch am fernen Hindukusch ihre Wasserpfeifen rauchten oder sich alternativ in Zentralafrika gegenseitig abmetzelten. Jetzt hat sich der Fokus von Nachbars Heckenhöhe auf sozio-kulturelle Unterschiede verlagert und der klassische Abgrenzungsmechanismus durch Statussymbole funktioniert hinten und vorne nicht.

Abgrenzung im Kontext von Gruppenzugehörigkeit dient jedoch in der Regel der Aufwertung der eigenen Kaste und nicht der Kriminalisierung eines anderen Kulturkreises. Wenn jedoch das „Präsentieren von Tatsachen ohne Verschleierung und Meinungsmache“ gefordert wird, impliziert das nicht nur den Wunsch nach Meinungsmache – sondern gerade eine erhoffte Kriminalisierung des anderen.

Dass die Nationalität eines Täters dem Leser in den meisten Fällen keine neuen Erkenntnisse liefert, außer der möglichen „diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens“ (Presserat), dürfte die Wiederholungsposter nicht scheren. Denn alle müssen sie wissen, dass es potenziell ein anderer war, keiner von „uns“, selbst die „Bahnhofsklatscher“, die an dem ganzen Schlamassel die Mitschuld tragen. Und was wäre das für ein Fest, wenn die „Kulturbereicherer“ auch mal einen von „denen“ erwischen täten.

„Wenn die Tat keinen ethnischen Hintergrund hat, bedeutet das nicht, dass die Täter (und Opfer) keinen ethnischen Hintergrund haben. Es ist bei diesen Meldungen wie im Arbeitszeugnis – man muss die Verklausulierungen lesen können“, hatte ein Leser in der FR-Kommentarspalte seinen Scharfsinn unterstrichen, der sich nichts vormachen lässt. Womit er jedoch gleichzeitig einen Offenbarungseid leistete – in Punkto empathischer Verwahrlosung.

Katja Thorwarth ist Autorin und Online-Redakteurin.

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